Wohnen in Rostock: Magnet an der Ostsee

Die Stadt im Nordosten wächst rasant. Doch zwischen begehrten Altbauquartieren und den Plattenbauten am Stadtrand liegen Welten.

Zweimal in der Woche setzen sich Fritz Brause und seine kleine Schwester Greta an das schwarze Klavier in der Wohnküche. Dann wird geübt, manchmal nicht ganz freiwillig, aber viel Druck müssen Mutter Susan und Vater Thilo nicht machen. Denn eigentlich spielen die dreizehn und acht Jahre alten Geschwister gerne. Etüden von Mozart, kleinere Stücke von Haydn – nicht immer sitzt jede Tonfolge perfekt, aber zumindest die Nachbarn in dem Gründerzeithaus aus dem Jahr 1908 stören sich nicht daran. Unten, in der ersten Etage, wohnt eine Musikerfamilie, die ebenfalls gerne zu Hause auf ihren Instrumenten spielt, und oben im Dritten leben zwei Mediziner, die geduldig sind und Verständnis haben. „Wir haben hier im Haus eine tolle Mischung“, sagt Thilo Brause. Gute Nachbarschaft, das bedeute für die Familie viel Lebensqualität.

Erst vor drei Jahren sind die Brauses – Mutter Susan hat ihren Mädchennamen behalten und trägt den Doppelnamen Müller-Brause – hierhergezogen: In die Kröpeliner-Tor-Vorstadt, jenes südwestlich der Warnow gelegene Szeneviertel von Rostock, das die Einwohner nur KTV nennen. In dieser kurzen Zeit haben sie sich schon komplett in das soziale Leben integriert, nicht nur im Haus, sondern im ganzen Quartier. Susan Müller-Brause, 41 Jahre, hat einen Posten als stellvertretende Vorsitzende im KTV-Verein übernommen, einem Bündnis von Bürgern, das sich für das Zusammenleben in der Gegend engagiert. Thilo Brause, 46 Jahre, leitet den Förderverein der wenige Straßen weiter gelegenen Grundschule, zu der Tochter Greta jeden Morgen zu Fuß gehen kann. Zudem sind beide in der evangelischen Gemeinde der Heiligen-Geist-Kirche aktiv, die mitten im Herzen der KTV liegt. Dadurch hätten sie gleich Anschluss gefunden und viele Leute kennengelernt, was beiden wichtig sei, sagt Susan Müller-Brause.

Ursprünglich hat sich das Paar an der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus kennengelernt, danach wohnten sie einige Jahre in Wolfsburg, wo die beiden Kinder zur Welt kamen. Anschließend ging es nach Neubrandenburg. Aus beruflichen Gründen folgte im August 2015 der Wechsel nach Rostock; Susan Müller-Brause fing als Architektin bei einer Planungs- und Ingenieurgesellschaft an, Thilo Brause wurde Dezernent im Betrieb für Bau und Liegenschaften des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Den Umzug ins beliebte Rostock haben sie nie bereut, im Gegenteil. Eltern und Kinder lieben die quirlige Innenstadt, die Warnow und die direkte Nähe zur Ostsee. Einen gewissen Preis müssen sie aber zahlen, denn die Lebenshaltungskosten, besonders die Mieten, sind deutlich höher als anderswo in der Region. Knapp zehn Euro Kaltmiete je Quadratmeter zahlt die Familie für ihre rund 100 Quadratmeter große Vier-Zimmer-Wohnung mit Wohnküche und zwei Balkonen. Für Rostocker Verhältnisse, und besonders im Vergleich zum früheren Wohnort Neubrandenburg, ist das viel.

Die Kröpeliner Tor-Vorstadt sticht hervor

Zwar hätte die Familie in anderen Stadtteilen weniger ausgeben müssen, aber sie wollte gerne in die KTV – und ist damit keineswegs allein. Das Viertel, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Wohngebiet für Arbeiter der aufstrebenden Werftindustrie entstand und zu DDR-Zeiten zunehmend verfiel, hat sich in den zurückliegenden Jahren zu einem der beliebtesten Stadtteile in Rostock entwickelt. Die in Blockrandbebauung angelegten Mietshäuser sind fast vollständig saniert und werden von vielen Studenten bewohnt, die die Nähe zur Universität und die vielen Restaurants und Kneipen rund um den Doberaner Platz schätzen. Besonderheiten wie das Volkstheater Rostock, der von ehrenamtlichen Radiomachern getragene Lokalsender Lohro oder die Hanseatische Brauerei, die die Wirren der Wende überlebt hat und mitten im Viertel Rostocker Pils, Bockbier und die Traditionsmarke Mahn & Ohlerich produziert, geben der Gegend eine ganz besondere Atmosphäre. Auch für Familien sei es schön, sagt Susan Müller-Brause. Die Kinder nutzen Sport- und Spielplätze, und sie selbst geht gerne zum Bio-Wochenmarkt, der 500 Meter den Barnstorfer Weg hinauf liegt. „Eigentlich muss man das Viertel gar nicht verlassen, denn wir haben alles, was wir brauchen, vor der Tür“, sagt sie.

Die Kröpeliner Tor-Vorstadt sticht aus dem übrigen Rostock hervor. Nirgendwo sonst ist der Wandel der Stadt so offenkundig wie hier, und an wenigen anderen Orten ist das Wohnen so schnell so teuer geworden. Erste Auswirkungen sind schon zu spüren. Studenten, die neu in den Stadtteil ziehen wollen, stellen fest, dass die Neuvermietungen kaum noch bezahlbar sind. Wohnungen gehen verstärkt an Besserverdienende, was die Einwohnerstruktur verändert.

Allerdings wächst auch in vielen anderen Bezirken die Nachfrage, etwa in dem direkt an die KTV grenzenden Hansaviertel, im nordwestlich gelegenen Reutershagen oder in der Südstadt, was sich im Preisniveau der gesamten Stadt spiegelt. Nach Zahlen der Marktforschungs- und Beratungsgesellschaft Empirica haben die durchschnittlichen Angebotsmieten, die in Wohnungsanzeigen im Internet zu finden sind, über die vergangenen fünf Jahre in Rostock um fast ein Drittel auf 7,63 Euro je Quadratmeter zugelegt. Seit etwa drei Jahren ist das Tempo so rasant, dass Rostock zu den Städten mit den am schnellsten steigenden Mieten in Deutschland zählt, wenngleich Wohnraum im Vergleich zu Großstädten wie Hamburg, Berlin oder München noch immer deutlich weniger kostet.

Familien und junge Leute aus ganz Deutschland zieht es in die Stadt, wodurch sich die bis 2002 rückläufige Einwohnerzahl erholt hat. Inzwischen leben wieder rund 208.000 Menschen in der Hansestadt, etwa 9000 mehr als zum Tiefpunkt vor 16 Jahren.

Das soziale Gefälle zwischen den Ortsteilen wird größer

Die Gründe dafür liegen nicht zuletzt in der wirtschaftlichen Entwicklung. Rostock, die größte Stadt im Nordosten, hat es geschafft, ein industrielles Ausbluten, das viele andere Ost-Städte nach der Wende durchlitten haben, zu vermeiden. Stattdessen ist der Ort zu einem Leuchtturm in Mecklenburg-Vorpommern geworden, einem Bundesland, das ansonsten unter Strukturschwäche leidet. Unternehmen wie der Windanlagenhersteller Nordex, der Kranspezialist Liebherr und der Motorenhersteller Caterpillar produzieren in Rostock. Auch der Hafen und die maritime Wirtschaft, darunter Firmen wie die Neptun Werft oder die Kreuzfahrtreederei Aida, sorgen dafür, dass viele Fachkräfte herziehen. Daher wird in der ganzen Stadt gebaut – und zwar mit einer Geschwindigkeit, die Thilo Brause und seine Frau, die beide beruflich mit der Bauwirtschaft zu tun haben, immer noch staunen lässt. „Vor allem in der Innenstadt wird jede freie Fläche genutzt, um weiter zu verdichten und mehr Wohnraum zu schaffen“, sagt Susan Müller-Brause.

Die steigenden Miet- und Kaufpreise sind ein Zeichen für den wachsenden Bedarf und die erfolgreiche Entwicklung der Stadt. Sie haben aber auch Schattenseiten, nicht nur innerhalb einzelner Quartiere wie der KTV, die von Gentrifizierung betroffen sind. Auch mit Blick auf die Gesamtstadt gibt es Warnsignale, denn in Rostock bilden sich Zonen heraus, die sich anhand ihrer Sozialstruktur stark unterscheiden. Soziale Segregation nennen Wissenschaftler diese Entwicklung, die in Rostock so stark ausgeprägt ist wie in wenigen anderen deutschen Städten. Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) hat erst kürzlich gezeigt, dass sich die Bezieher von Sozialleistungen wie Hartz IV in Rostock zunehmend in einer Handvoll Quartiere konzentrieren. Die Folge ist, dass das soziale Gefälle zwischen den Ortsteilen steiler wird.

Einer der Gründe dafür ist die typische DDR-Plattenbauweise, die noch immer einen großen Teil des Wohnungsbestands in Rostock ausmacht. In Siedlungen wie Toitenwinkel, Schmarl oder Lütten Klein lässt sich dieses Prinzip wie in einem Lehrbuch studieren. Hier ragt eine „Platte“ neben der anderen in den Himmel und bietet vor allem Wohnraum für Menschen mit geringerem Einkommen. Zwar hat sich auch in diesen Vierteln einiges geändert. Viele Plattenbaugebiete wurden saniert und besser an die öffentlichen Verkehrsmittel angebunden. Zudem entstanden in den Zentren und auf den umliegenden Flächen der Viertel neue Parks und Möglichkeiten zum Einkaufen. In Bezirken wie Rostock-Lichtenhagen, einem Ortsteil, der in den neunziger Jahren durch ausländerfeindliche Ausschreitungen bundesweit bekannt wurde, ist das Leben dadurch besser geworden. Aber trotzdem sind die Kontraste zu anderen Teilen der Stadt scharf. Durch den Anstieg der Mietpreise, der Menschen mit niedrigem Einkommen aus beliebteren Stadtvierteln verdrängt, wird diese Entwicklung weiter verstärkt.

Auf Dauer soll es so nicht weitergehen, daher lässt sich die Stadt einiges einfallen. Die Erneuerung der Plattenbauten wird mit Hochdruck vorangetrieben, zudem entstehen an einigen Orten in direkter Nachbarschaft der Plattenviertel neue Wohnungen in einer moderneren Bauweise, um die städtebaulichen Übergänge weicher zu machen. Etwa am Likedeelerhof, einem Baugebiet nahe dem von Plattenbauten geprägten Stadtteil Groß Klein nördlich der KTV: Dort sind in einer im skandinavischen Stil errichteten Wohnsiedlung am Laakkanal viele neue Eigentumswohnungen entstanden. Für Ralph Müller, Leiter des Amtes für Stadtentwicklung, Stadtplanung und Wirtschaft, sind solche Projekte wichtig, um zu verhindern, dass ein Ungleichgewicht entsteht. „Die Segregation in Rostock ist eine Schwierigkeit, mit der wir uns intensiv beschäftigen müssen“, sagt er.

Nicht nur der soziale Frieden, auch die schiere Fläche an verfügbarem Bauland ist für die Stadt ein Thema, das sie in einem großen Zukunftsprojekt angehen will. „Zukunftsplan Rostock“ – so nennen die Behörden ihr Vorhaben, das sie vor dem Hintergrund aktueller Bevölkerungsprognosen in die Wege geleitet haben. Demnach werden bis zum Jahr 2035 so viele Menschen in die Stadt ziehen, dass die Zahl der Einwohner auf mehr als 230.000 steigen wird. Mit der bestehenden Wohnstruktur, so die Befürchtung, lässt sich diese Zuwanderung kaum bewältigen, weshalb die Bürger der Stadt ihre Ideen einbringen sollen: Viertel verdichten, neue Baugebiete ausweisen, vielleicht auch einen komplett neuen Stadtteil bauen, all diese Optionen sind denkbar und sollen demnächst in einen neuen Flächennutzungsplan münden. Auch die Familie Brause interessiert sich weiter für das Thema, und zwar aus ganz persönlichen Gründen. Zwar hat sie im Moment noch keine konkreten Umzugspläne, doch eines Tages werden das Paar und die zwei Kinder eine größere Wohnung brauchen – und dann wird es mit Sicherheit teurer. „Die Preisentwicklung in Rostock ist rasant, deshalb überlegt man sich zweimal, bevor man eine Wohnung aufgibt und umzieht“, sagt Thilo Brause. Wenn die Stadt etwas gegen den Preisanstieg tue, sei das auf jeden Fall richtig.