Untergang in der Ostsee: Was geschah mit der „Beluga“?

1999 sank der Fischkutter vor Rügen aus bis heute nicht genau geklärten Umständen. Die Besatzung kam ums Leben. Ewald Melzow, früher Kapitän des Tonnenlegers „Buk“, glaubt nun, das Rästel gelöst zu haben.

Rostock/Sassnitz. Es geht rasend schnell: Eben noch in ruhiger Fahrt im Seegebiet Adlergrund zwischen Rügen und dem dänischen Bornholm unterwegs, wird der Fischkutter jäh gestoppt. Ein Krachen und ein Splittern, Metall kreischt. Das Schiff legt sich auf die Seite, Wasser schwappt an Deck. Wenige Sekunden später sinkt der Kutter.

So oder so ähnlich könnte es gewesen sein in der Nacht vom 17. auf den 18. März 1999 an Bord der „Beluga“. Kapitän Frank Schneider, Lehrling Martin Senfft und Maschinist Hartmut Gleixner hatten keine Chance. Sie kommen ums Leben – ihre Leichen werden erst Wochen später gefunden. Die genauen Umstände dieses schrecklichen Unglücks sind auch mehr als 19 Jahre später nicht restlos aufgeklärt.

Das Bundesoberseeamt Hamburg, das für Unfälle auf See zuständig ist, hatte 2001 entschieden, das Unglück sei nicht auf Fremdeinwirkung zurückzuführen. Zuvor hatte das Rostocker Seeamt den Unfall „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ auf das Eindringen von Wasser über zwei nicht vorschriftsmäßig geschlossene Bodenspeigatten zurückgeführt. Über die läuft normalerweise Reinigungs- und Spritzwasser vom Deck nach außen ab. Das Wasser sei von dort „über die offene Luke in den Fischladeraum“ sowie den Maschinenraum eingedrungen, so das Amt. Dadurch sei der Kutter gesunken.

Ist ein Militärmanöver Ursache des Unglücks?

Ewald Melzow, der jahrelang als Kapitän unter anderem mit Vermessungsschiffen und Tonnenlegern für den Seehydrographischen Dienst der DDR auf See unterwegs war, widerspricht der Einschätzung der Experten. „Natürlich ist der Kutter durch Fremdeinwirkung gesunken“, ist der ehemalige Nautiker aus Warnemünde überzeugt. Ginge es nach ihm, müsste das Unglück nochmals genau untersucht werden.

Damit stärkt Melzow auch Teile der Theorie, die im Buch „Der Fall Beluga – Ein Unglück auf der Ostsee und wie es vertuscht wurde“ beschrieben wird. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass eine Kollision mit einem Schleppverband im Rahmen eines Militärmanövers das tragische Unglück auslöste.

Beluga könnte mit Seezeichen kollidiert sein

Doch Melzows These geht in eine andere Richtung: Der Kutter „Beluga“ sei in der Nacht mit einem Seezeichen kollidiert. „Und zwar mit der Seetonne ’Heweliusz’“. Die war „vertrieben“ – also nicht an ihrem regulären Platz, der Wrackposition der polnischen Eisenbahnfähre „Jan Heweliusz“, die 1993 in der Ostsee gesunken war. Der Tonnenleger „Buk“ hatte den Auftrag, die Tonne zu suchen und zu bergen. Peter Becker, Kapitän der „Buk“, hatte ein Radarziel im Bereich des Adlergrundes erkannt, das dann später verschwand. Dies, so die These von Melzow, der selbst einmal Kapitän auf dem Tonnenleger „Buk“ war, könnte der Zeitpunkt der Kollision der „Beluga“ mit der Tonne gewesen sein.

Bei dem Zusammenstoß mit dem Kutter samt Kranausleger habe sich die Tonne in dem über die Backbordseite des Kutters hängenden Fischernetz verfangen. Die Folge: Die „Beluga“ gerät in Backbord-Schräglage. Schließlich wiege die Tonne samt Kette „zehn bis 13 Tonnen“. Dann „überströmt Wasser das Hauptdeck, flutet einige Räume“, so Melzow weiter. In der Folge habe das Netz auch die Rettungsinsel überdeckt, die hinter dem Ruderhaus befestigt war und deshalb nicht ausgelöst wurde. Durch das Volle-Fahrt-Zurück-Manöver des Kapitäns sei der Untergang zusätzlich beschleunigt worden. Die Tonne sei mit unter Wasser gerissen worden. Später sei sie wieder aufgetrieben, was die Beschädigungen am Schornstein und am Kran verursacht haben könnte.

Für diese These spräche, dass das Wrack der „Beluga“ laut Taucherbericht senkrecht, etwas nach Backbord geneigt, auf dem Meeresboden stand, so Ewald Melzow. Weitere Indizien: Auch im Kran der „Beluga“ hatte sich ein Netz verfangen, und Beschädigungen am Kutter deuten auf eine bei Tonnen verwendete Kette mit großen Gliedern. Für ihn jedenfalls steht fest: „Es gab eine Fremdeinwirkung.“