Rostocker Forscher planen Ostsee-Testfeld

Ob die Bergung von Munition oder das Verlegen von Seekabeln: Maritime Wirtschaft ist mehr als nur Schiffbau. Um die Unterwasserwelten besser erforschen zu können, soll in Rostock ein weltweit einmaliger Campus entstehen.

Rostock. Wenn zur Hanse Sail die Traditionssegler in Rostock einlaufen, fällt in der Hansestadt auch der Startschuss für ein zukunftsweisendes und derzeit weltweit einmaliges Projekt – das geplante „Ocean Technology Center“ (OTC) des Rostocker Fraunhofer-Instituts. „Am 9. August schalten wir vom hypothetischen auf den Umsetzungsbetrieb“, sagt Prof. Uwe Freiherr von Lukas. Der Institutsleiter freut sich darauf, mit dem OTC am Fischereihafen die Kompetenzen für die Erforschung der Meere zu bündeln. „Denn maritime Wirtschaft ist mehr als Schiffbau“, so der Ingenieur.

Für 30 bis 40 Millionen Euro soll ein international führender Innovationscampus zur Unterwassertechnik entstehen. „Und der deckt von der Ausbildung der dringend nötigen Fachkräfte über die Forschung bis hin zur Ansiedlung von Produktionsunternehmen die gesamte Bandbreite ab. Und schafft auch wichtige Arbeitsplätze“, so von Lukas.

Umzug von der Südstadt an die Kaikante

Um nach fünfjähriger Vorarbeit direkt nach dem Startschuss im August loslegen zu können, würde ein Teil der Fraunhofer-Forscher erst einmal durch die Anmietung von Räumen in den Fischereihafen wechseln können. Ziel sei aber in etwa fünf bis sechs Jahren der Umzug des gesamten Instituts an die Kaikante in Marienehe. Ein Großteil der Forschungspartner sei – wie die Baltic Taucher – nämlich dort schon vor Ort.

Nicht nur für den wissenschaftlichen Austausch wären die kurzen Wege von Vorteil, sondern auch für das künftige Testfeld des OTC, das vor Nienhagen geplant ist. Aktuell müssten sich die Rostocker Forscher für ihre Versuchsreihen immer auf Schiffen anderer Institute und Wissenschaftseinrichtungen einmieten – und das Jahre im Voraus planen. „Wenn wir Pech haben, sind dann aber die Wetterbedingungen ungünstig für unsere Versuche“, nennt Prof. von Lukas ein Problem.

700 Hektar Testfeld in der Ostsee vor Nienhagen

Mit der Errichtung des eigenen Testfeldes vor Nienhagen sollen diese Unwägbarkeiten der Vergangenheit angehören. In einer Tiefe von 13 bis 20 Metern unter der Wasseroberfläche würde ein 700 Hektar großes Areal abgegrenzt und in sogenannte „Gärten“ unterteilt. Diese könnten dann ganz flexibel kurz- oder längerfristig für verschiedenste Forschungsansätze genutzt werden.

„Auf den Flächen werden industrielle Szenarien nachgebildet, zum Beispiel durch Munitionsattrappen“, sagt von Lukas. Nicht nur deren Detektion oder Bergung könnte dadurch getestet werden, sondern auch das Verlegen von Seekabeln oder wie man Fehler an diesen Leitungen feststellen kann.

Branche hat Bedarf an eigenen Forschungsflächen

Das Interesse am Rostocker Campus sei bereits international vorhanden. Schließlich hätte die Branche einen großen Bedarf an systematischen Tests. Mit dem Testfeld vor Nienhagen und dem dazu entstehenden Digital Ocean Lab (DOL) an der Kaikante Marienehe biete der Campus ideale Bedingungen: „Von kurzfristigen bis zur Langfristerprobung, von geringen Tiefen bis zur Tiefsee“, so der Institutsleiter. So wie die Baltic Taucher, die im Auftrag einer großen Organisation an einem Prototypen bauen, der große Mengen Plastik aus den Meeren holen soll. Genau solche Entwicklungen könnten dann in Nienhagen ausprobiert werden.

Kein Einfluss auf Touristen oder Wassersportler

Aktuell würde vonseiten der Behörden noch diskutiert, wer für das Genehmigungsverfahren des Testfeldes zuständig ist. „Das liegt daran, dass vorher noch niemand so etwas beantragt hat“, sagt Uwe von Lukas, der damit rechnet, dass bis zum Bau des endgültigen Testfeldes vor Nienhagen rund zwei Jahre vergehen könnten. Touristen oder Wassersportler würden davon aber nichts bemerken. Mehr, als die jetzt zu sehende Plattform des künstlichen Riffes, sei oberhalb der Wasseroberfläche nicht geplant.

„Wir denken auch über eine Nachnutzung der Plattform nach“, sagt Institutsleiter von Lukas. Zudem gebe es Gespräche mit dem Nienhäger Bürgermeister, wie die Forschungen unter Wasser für die Menschen an Land live visualisiert oder sogar erlebbar gemacht werden könnten. Denn oft würde bedauernd festgestellt, dass man davon nichts bemerkt, sagt der Wissenschaftler. „Wir sind da auch offen für mögliche Partner“, so von Lukas.

Munition in der Ostsee ist „tickende Zeitbombe“

Begeistert von den Plänen zeigte sich am Mittwoch Norbert Brackmann (CDU). Der Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft lobte sowohl das hervorragende Netzwerk als auch den Innovationsgeist der hiesigen Forscher. „Während man an anderen maritimen Standorten noch viel liest, ist man in Rostock schon dabei und damit ein Stück weit seiner Zeit voraus“, so Brackmann.

Er sei froh, dass der Bund seinen Teil zum Gelingen des Projektes beigetragen hätte –„indem wir den Grundlagen-Etat der Fraunhofer Gesellschaft finanziell so angehoben haben, dass das OTC realisiert und bewirtschaftet werden kann“, sagte Brackmann und gab den Wissenschaftlern gleich noch einen Forschungsauftrag mit auf den Weg: das Thema Unterwassersensorik und -sicherheit.

„Das alles klassisch zu sichern ist schier unmöglich“, freute sich Brackmann, dass in Rostock an digitalen und zukunftsfähigen Lösungen gearbeitet wird. „Gerade in der Ostsee sind die Riesenmunitionsbestände ein großes Thema, bei dem wir alle geschlossen die Augen zumachen“, sagte er. Dabei sitze man auf einer – im wahrsten Sinne – „tickenden Zeitbombe“.