Nienhäger Riff sorgt für „Großstadt“ in der Ostsee

Abgetaucht: Foto-Ausstellung „abgrundtiefbunt“ zeigt Unterwasser-Leben hautnah. Forscher wollen Riff-Projekt weiterführen.

Nienhagen/Bad Doberan. Mehr als 130 Tauchgänge hat er vor der Küste Nienhagens gemacht – dabei immer seine Kamera im Schlepptau, den Fokus in zehn bis zwölf Metern Tiefe vor allem auf das künstliche Riff gerichtet, das hier in der Ostsee vor 16 Jahren im Zuge eines Forschungsprojektes errichtet wurde. „Die meisten Leute kennen das Wasser ja nur bis zum Bauchnabel“, sagt Uwe Friedrich und lacht. „Ich wollte zeigen, wie unglaublich farbenfroh das Leben hier eigentlich ist.“

Initiiert vom Verein Baltic-Reef e.V. ist so die Fotoausstellung „abgrundtiefbunt“ entstanden, die bis zum 27. Februar in der Doberaner Kreisverwaltung (August-Bebel-Straße 3) zu sehen ist. Ausgestattet mit spezieller Kamera- und Lichttechnik, fotografierte Friedrich die bunte Unterwasserwelt und bringt sie jetzt in 75 ganz unterschiedlichen Motiven ans Tageslicht. „Über Jahre hinweg habe ich immer an der gleichen Stelle die Entwicklung dokumentiert“, erklärt der Vorsitzende des 2010 gegründeten Vereins Baltic-Reef e.V. „Seit es das Riff gibt, gedeiht hier das Unterwasser-Leben in Hülle und Fülle.“

Ähnlich wie bei den Buhnen am Ostseestrand bedürfe es auch am tiefer gelegenen Meeresgrund bestimmter Voraussetzungen für Leben, so Friedrich: „Sandboden allein ist keine Basis – Muscheln, Algen, und Seesterne benötigen feste Substrate, um sich anzusiedeln.“ Ob Seeskorpione, Miesmuscheln, Ostseegarnelen oder Seehasen – „da, wo vorher nur Sandboden war, existiert nun eine ,Großstadt’ mit mehr als 140 bisher nachgewiesenen einheimischen Lebensformen“, macht Friedrich deutlich. „Meine Motive zeigen auf, welchen nachhaltigen Effekt ein künstliches Riff auf ein Ökosystem hat.“
Von Menschenhand geschaffen, von der Natur übernommen

Findet auch Romuald Bittl, Dezernent für Wirtschaft und Bau im Landkreis Rostock: „Diese Farben – das sieht ja fast aus wie in der Südsee.“ Mit einem kleinen, aber wesentlichen Unterschied, sagt Uwe Friedrich: „Beim Tauchen ist es vor Nienhagen leider nicht so schön warm.“ Die Aufnahmen würden dem Betrachter näher bringen, was Wissenschaft tatsächlich bewirken könne, so Bittl: „Es ist faszinierend zu sehen, wie ein Bereich, der von Menschenhand geschaffen wurde, letztlich von der Natur in Beschlag genommen wird.“

Dabei gehe es nicht nur um die Artenvielfalt, sondern auch um die Quantität, erklärt Gerhard Martin, Referatsleiter im Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt MV: „Hier eine positive Entwicklung nachzuweisen war eine der Haupt-Zielsetzungen des in den 1990er-Jahren gestarteten Projektes.“ So seien etwa durch das Einbringen von Hartsubstrat rund 18 000 Quadratmeter zusätzliche Bewuchsfläche geschaffen worden, sagt Uwe Friedrich: „Im Jahresdurchschnitt sind das 100 Tonnen zusätzliche Biomasse, die auf dieser Fläche siedelt.“ Und: „Momentan wird durch die Schutzfunktion des Riffs und das gute Nahrungsangebot die Erhöhung der jährlichen Überlebensrate von Dorschen auf minimal 4000 Fische geschätzt.“

Riff-Projekt vor ungewisser Zukunft

Punkte, die den Forschern besonders wichtig sind – und die gleichzeitig zu Kopfzerbrechen. „Das Riff-Projekt hatte eine Laufzeit bis zum Oktober vergangenen Jahres“, erklärt Projektleiter Thomas Mohr. „Wir haben eine Weiterführung beantragt – leider tut sich hier aber das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie schwer.“ Denn die Vertreter des Naturschutzes seien gegen jegliche Eingriffe – auch gegen die durch Menschenhand angelegten Riff-Strukturen als marine Ausgleichsmaßnahmen, so Mohr.

Mit einer positiven Anerkennung wäre eine Finanzierung für den Einbau weiterer Riffe abgesichert und eine Weiterführung des Nienhäger Projektes begründbar, macht Mohr deutlich: „Offshore-Wasserbaufirmen fordern seit langem ein Angebot an Kompensationsmaßnahmen im marinen Bereich und haben Lösungsansätze unterbreitet – so wird etwa die Nutzung von den beim Trassenbau in der Ostsee anfallenden Steineinschlüssen für die Anlegung von Riffen vorgeschlagen.“

Aktuell würden ausschließlich an Land Ausgleichsmaßnahmen realisiert, sagt Ministeriums-Mitarbeiter Gerhard Martin: „Wir sollten überlegen, solche Dinge künftig auch direkt in der Ostsee umzusetzen – das letztlich tatsächlich durchzusetzen, dürfte aber noch ein sehr langer Weg sein.“

Das Riff-Projekt wurde vom Institut für Fischerei der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern (LFA) umgesetzt.

Mit finanzieller Unterstützung des Landes Mecklenburg-Vorpommern und der Europäischen Union entstand bis zum Jahr 2008 ein künstliches Großriff im Fischereischutzgebiet Nienhagen.

In mehreren, vom Land und der EU geförderten Projekten wurden und werden seitdem die Auswirkungen auf Flora und Fauna und die Nutzungsmöglichkeiten eines künstlichen Riffs untersucht.

www.riff-nienhagen.de