Geburtshilfe für Kegelrobben in der Ostsee

Erstmals seit 100 Jahren kamen 2018 an der deutschen Ostseeküste wieder Robbenbabys zur Welt. Doch nur eines von vier Neugeborenen überlebte. Das soll sich in diesem Jahr ändern.

Greifswald/Stralsund. „Gestrandetes Robbenbaby wartet auf Robbenmutter“ postete die Polizei am 15. April letzten Jahres freudig aus Heringsdorf auf Facebook. Ein Neugeborenes im typisch kuschligen Lanugofell lag an diesem sonnigen Sonntag am Strand des Usedomer Seebades. Das Baby sei nicht verletzt, ein Absperrband gezogen. „Deshalb macht euch keine Sorgen“, zeigten sich die Beamten zuversichtlich. Doch wenige Stunden später passierte der entscheidende Fehler, der vermutlich dem Robbennachwuchs das Leben kostete. Ein Feuerwehrmann trug das Jungtier ins Wasser, nachdem er sich dafür beim Besucherservice des Stralsunder Meeresmuseum rückversichert hatte.

„Da ist einiges schief gelaufen“, bilanziert die Robbenexpertin des Meeresmuseums, Linda Westphal, ein knappes Jahr später. „Kegelrobben können, solange sie das Lanugofell tragen, noch nicht schwimmen.“ Das Tier ist vermutlich ertrunken. Das Meeresmuseum hat inzwischen aus dem Vorfall Konsequenzen gezogen, wie Meeressäuger-Kurator Michael Dähne versicherte. Bei Lebendsichtungen von Robben ist ein Wissenschaftler jetzt immer unter einer Handynummer erreichbar – auch an Wochenenden.

Das vergangene Jahr werten die Meeresbiologen als Durchbruch für die Rückkehr der Kegelrobben an die deutsche Ostseeküste, die durch jahrzehntelange und zeitweise sogar staatlich prämierte Bejagung in unseren Regionen als ausgestorben galt. Der Bestand erholt sich zwar seit Jahren. Doch erst rund 100 Jahre, nachdem das letzte Tier an der Küste Vorpommerns erlegt worden war, kamen hier 2018 wieder Robbenbabys zur Welt. Genau gesagt vier. Doch nach Einschätzung des Meeresmuseums hat vermutlich nur eines von ihnen die ersten kritischen Lebenswochen überlebt. Es kam am 19. April auf der weitgehend von Störungen und Tourismus freien Greifswalder Oie zur Welt. Ein Baby starb bereits Anfang März unmittelbar nach der Geburt am Kap Arkona. Für ein weiteres Tier blieb die Todesursache unklar. Es war am 6. Juni bei Dranske in einer Strandmülltonne entdeckt worden. Westphal: „Das Tier war stark verwest, so dass nicht mehr feststellbar war, woran es starb.“

Grundsätzlich seien hohe Todesraten nach der Geburt nicht ungewöhnlich, sagt Westphal weiter. Doch in diesem Jahr wollen Meeresbiologen und Naturschützer besser auf die in Kürze beginnende Geburtensaison eingestellt sein, damit sich ein Vorfall wie in Heringsdorf nicht wiederholt. Meldeketten sollen funktionieren und Zuständigkeiten geklärt sein. Küstengemeinden wurden inzwischen in einem Workshop geschult. Den hatte das Meeresmuseum zusammen mit dem Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie (LUNG) und dem BUND veranstaltet – mit dem Ziel, den Kommunen im administrativen Wirrwarr der Verantwortlichkeiten Orientierung zu geben. Denn: Für die Absperrungen sind die Gemeinden zuständig. Für den Schutz des Tieres wiederum die Untere Naturschutzbehörde. Ist das Tier krank, kommen die Kreisveterinäre ins Spiel.

„Es ist ganz schlecht, sich erst dann mit einer solchen Situation zu beschäftigen, wenn sie da ist“, rät der Vize-Chef des Biosphärenreservats Südost-Rügen, Ingmar Piroch. Eine Robbengeburt stelle die betroffene Gemeinde vor große Herausforderungen. Im Extremfall müsse der Strandabschnitt auf rund 100 Meter Länge bis zu vier Wochen abgesperrt werden, um das Junge in der sensiblen ersten Lebensphase abzuschirmen. Dennoch: „Ein Robbenbaby ist ein Glücksfall, kein Ernstfall“, betont der Jurist. Es sorge schließlich für gute PR.

Anne-Carolin Grimm, Mitarbeiterin der Kurverwaltung Koserow, weiß aus eigener Erfahrung, wie eine kulleräugige Robbe am Strand die Urlaubsgäste begeistert und sich in kürzester Zeit eine solche Meldung viral über Facebook und Co. verbreitet. „Wenn Gäste Fotos machen, lockt das immer mehr Schaulustige an. Deshalb versuchen wir, so schnell wie möglich zu handeln.“ Einen funktionierenden Notfallplan, der auch am Wochenende greift, hätte nicht nur sie gern in der Schublade. Auch Alexander Holtz, Hafenmeister von Altefähr, will auf diese bislang unbekannte Situation künftig angemessen reagieren. „Nach den Robbengeburten im vergangenen Jahr werden wir unseren Plan überarbeiten.“

Der Umweltverband BUND schult Ehrenamtliche, die in der kritischen Zeit den Fundplatz bewachen und Schaulustige aufklären sollen. Darüber hinaus deponierten die Umweltschützer zwischen Rostock und Rügen vier Notfallkisten mit Absperrutensilien und ließen Info-Schilder für Spaziergänger produzieren. Falko Bindernagel, Ranger beim Biosphärenreservat Südost-Rügen, rät den Gemeinden, sich eigene Notfallkoffer für Lebend- wie auch Totfunde zusammenzustellen. „Mit weniger als 500 Euro sind die Gemeinden dabei.“ Den Folienschlauch für die Kadaver und Kabelbinder gibt es gratis beim Meeresmuseum.

Mit den steigenden Bestandszahlen sind in den vergangenen Jahren auch die Funde toter Robben gewachsen. Bis zum 30. November zählte das Meeresmuseum 66 Robben, von denen 47 eindeutig als Kegelrobben identifiziert werden konnten. Zum Vergleich: 2013 wurden 13 tote Tiere an der Küste von MV gemeldet. Robben, ob lebend oder als Kadaver, sollten nicht berührt werden. „Robben sind Raubtiere, sie sind bissig“, sagt der Stralsunder Robbenexperte Michael Dähne. Infektionen durch einen Robbenbiss, der sogenannte „Seal Finger“, seien nicht mit normalen Antibiotika zu behandeln. Schon mancher Robbenpfleger habe seinen Finger anschließend durch Amputation verloren, weil die Infektion nicht mehr gestoppt werden konnte.