Handwerkskunst an der Ostsee

Die moderne Variante einer Darßer Tür: Die Brüder Roloff wandeln auch alte Muster ab und denken sich neue aus.

Die Brüder Roloff bauen Darßer Türen nach altem Brauch


 
 
 

Im 18. Jahrhundert sollten die fein gearbeiteten Darßer Türen den Reichtum der Hausbesitzer zeigen. Heute stehen sie für Verbundenheit mit der Heimat und für Traditionsbewusstsein. Etwas Spielraum für neue Elemente gibt es aber – kleine Veränderungen sind gern gesehen.

In der kleinen, mit Türblättern und Rahmen voll gestellten Werkstatt der Kunsttischlerei steht Dirk Roloff am Fenster. Grauhaarig, in einem weißen T-Shirt beugt er sich im hereinfallenden Sonnenlicht konzentriert über ein Stück helles Holz.

„Ich schnitze hier an einem Ornament“, erklärt Roloff. „Für eine Haustür ist das gedacht. Das ist eine Blüte, also ein florales Ornament mit einem einladenden Charakter. Das hat man hier auf den alten Türen gerne verwendet.“

Repräsentation von Reichtum

Damals, als um das Jahr 1790 die Darßer Kapitäne mit der Handels-Segelschifffahrt reich wurden. Ihren neuen Wohlstand wollten die stolzen Seeleute in der bislang ärmlichen, von der Ostsee umtosten Heimat dann auch zeigen: Ihren Frauen brachten sie seidene Regenschirme nach neuester Mode mit auf die dürre Halbinsel nördlich von Rostock. Und in den Örtchen Prerow, Zingst, Born oder Ahrenshoop ließen sie sich reetgedeckte Häuser bauen und schmückten sie mit reich geschnitzten Türen.

Die Kapitäne vom Darß orientierten sich dabei an klassizistischen, die römisch-griechische Antike zitierenden Motiven. Die hatten sie auf ihren Handelsfahrten in Lübeck, London, Stockholm oder Sankt Petersburg gesehen.

Die Einzelheiten der Geschichte der Darßer Türen könne aber sein älterer Bruder besser erklären, meint Dirk Roloff, der habe darüber sogar ein Buch geschrieben. Da trifft es sich gut, dass René Roloff jetzt auch in die Werkstatt kommt: Ein schmaler Mann mit Brille im karierten Hemd. Der Tischler ist auch Bürgermeister von Prerow und hatte eben noch ein Treffen der Gemeindevertretung.

Säulen und Sonnenkreuze

Die Gebrüder Roloff schnitzen in der sechsten Generation Darßer Türen. In den Motiven lebten bis heute auch uralte, heidnische und magische Symbole weiter, erklärt René Roloff: „Das ist das Besondere der Darßer Türen, dass sie diese Mischung verkörpern, aus dem, was hier Jahrhunderte alte Tradition gewesen ist, was Volkskultur gewesen ist, und den Einflüssen, die man so um 1800 herum aus der Welt mitbrachte.“

Und so finden sich auf den Darßer Türen einerseits Mäandermuster, Giebel und stilisierte Säulen. Andererseits aber auch Schuppenmotive und Sonnenkreuze, die vor Blitzen und bösen Geistern schützen sollten. „Die versteckt in der Ornamentik der alten Türen angebracht sind, also heidnische Sonnenkreuze, nicht die Sonne, die offensichtlich ist, sondern das ist ein Kreis mit einem diagonalen Kreuz, was es schon in der Bronzezeit gegeben hat beispielsweise.“

Bis 1850 dauerte die erste Blütezeit der Darßer Türen, dann kamen sie aus der Mode. Fast gerieten sie in Vergessenheit, bis 1931 der damalige Bürgermeister, ein Heinrich Bierbaum aus Kiel, ein neues Gemeindeamt bauen ließ. Bierbaum wollte die alten Traditionen aus der stolzen Segelschifffahrtszeit wiederaufleben lassen, so berichten es die Roloffs. Darum wurde das neue Amtsgebäude mit Rohr gedeckt und bekam eine Darßer Haustür – mit Tulpenstrauß, Sonne, Blüte und Anker. Gebaut, geschnitzt und bemalt von der 1832 gegründeten Tischlerei Roloff, den Vorfahren der heutigen Firmeninhaber. Seit damals sind die früher einfarbigen Türen bunt und ein beliebtes Fotomotiv bei den Touristen, erzählt René Roloff.

Kiefernholz, Ölfarbe und altes Werkzeug

Bis heute werden die Darßer Türen aus Kiefernholz gefertigt. „Wenn wir heute Kiefernholz verarbeiten, dann ist es wichtig, dass wir nicht mit den heute so üblichen und hochgelobten Acrylfarben arbeiten. Wir nehmen für die Teile, die aus Kiefernholz gefertigt werden, Ölfarben“, erklärt René Roloff. „Wir imprägnieren das richtig mit Leinöl, wie die Handwerker das damals auch gemacht haben. Wir verdünnen das etwas mit Terpentinöl, das dringt dann sehr tief in die Holzporen ein und wirkt dann wasserabweisend.“

René Roloff greift zum Hobel und bearbeitet ein Stück Kiefernholz. Es hat einen schönen dunklen Kern und stammt von ihrem Holzhändler des Vertrauens in Rostock. „Es gibt Späne, auch sehr schön aufgerollte Späne – immer. Wir lieben diese Hobelspäne, die wirklich noch Hobelspäne sind und auch toll nach dem Holz riechen! Jedes Holz hat seinen eigenen Geruch, ob das Kiefer ist oder ob sie ein Stück Linde hobeln oder ein Stück Eiche: Das können sie mit geschlossenen Augen erkennen, welches Holz das ist.“

Die ebenso riesige wie freundliche Familien-Dogge namens Bruno schnüffelt interessiert an den Hobelspänen auf dem Fußboden. Auch beim Arbeitsgerät halten die Tischler an alten Traditionen fest: In einem Schrank hängen sorgsam aufgereiht Dutzende Hobel, die noch von den Altvorderen stammen, teils mehr als 200 Jahre alt und noch immer in Gebrauch. Der Anspruch sei, damit keine schlechtere Arbeit abzuliefern als ihr Urgroßvater. „Der Linke hier ist ein Hobel aus der Barockzeit, der auch in barocken Formen verziert worden ist, der sehr formschön in der Hand liegt, mit schönem Material verarbeitet worden ist. Der Griff hier zum Beispiel ist aus Mahagoni.“

Neue patentierte Muster

Doch eine Tradition, die nur bewahrt, aber nicht weiterentwickelt wird, die hat keine Zukunft, das wissen die Gebrüder Roloff. Sie haben darum die alten Muster abgewandelt und sich auch Neue ausgedacht und patentieren lassen. „Wir haben mittlerweile schon fast unzählige Schablonen, die sind hier in Tüten sortiert, große Tüten mit Sonnen, halben Sonnen, Fische tauchen mal auf, das ist durchaus eine Neuinterpretation…“

Im Nebenzimmer sitzt derweil der einzige Mitarbeiter Steffen Bläsing in graugrüner Latzhose auf einem Stuhl und betreibt Laubsägearbeiten, wie früher schon als Kind, das so gern bastelte. „Und ich bin immer noch mit Leib und Seele Tischler. Es ist ein schöner Werkstoff, mit dem man immer schön arbeiten kann – es macht Spaß.“

Das Besondere an der Kunsttischlerei auf dem Darß sei, dass noch so viel von Hand statt mit Maschinen gemacht werde, erzählt Bläsing. Er sägt emsig den handtellergroßen Umriss einer Fledermaus aus, für die Tür am Haus eines Fledermausforschers.

Ein Stück Heimat in der Ferne

Einem Imker haben sie auf Wunsch auch schon einmal eine geschnitzte Biene auf die Tür gesetzt, erzählt René Roloff. Solche Spielereien machen ihm Freude.

René Roloff hat auch nichts dagegen, wenn jemand eine Darßer Tür für seinen Neubau haben möchte. Doch es muss vom Stil her passen, sonst lehnen sie auch schon mal einen Auftrag ab. „Man kann auch durchaus modern arbeiten und gerade für auswärtige Kunden kann das sein“, sagt er.

Wenn sie Darßer Türen für Kunden weiter weg bauten, dann seien diese Kunden sehr lang und sehr eng mit dem Darß verbunden, sagt Roloff: „Entweder sind sie hier geboren worden, hier aufgewachsen, wollen ein Stück Heimat mitnehmen. Das kann ich durchaus verstehen, das passt dann auch. Oder sie sind seit zwanzig, dreißig Jahren hier zu Gast im Sommer, also haben wirklich eine ganz, ganz starke Beziehung zur Ostsee.“