Gewalt gegen mutmaßliche Touristen an der Ostsee

Dieser Autofahrer ist offensichtlich genervt von Hilfspolizisten

 
 
 

Einwohner werden gewalttätig

Fremde Autos werden mit Steinen beworfen, der Lack zerkratzt, Menschen bei der Polizei angeschwärzt: Auf den Ostseeinseln spitzt sich die Lage für vermeintliche Touristen und Auswärtige zu. Die Angst vor dem Corona-Virus treibt die Anwohner zu immer drastischeren Aktionen. Für Touristen gilt nämlich ein Aufenthaltsverbot. Was ein Mann, der ein Auto mit Kennzeichen aus dem Erzgebirge fährt, auf Rügen erlebt hat, erfahren Sie im Video.

Wer ein auswärtiges Kennzeichen hat, hat Angst

Hass und Gewalt treffen vor allem Leute mit auswärtigen Kennzeichen. Dass darunter viele Einwohner sind, die einfach nur einen Dienstwagen mit einem Kennzeichen aus einer anderen Stadt fahren, hält Unbelehrbare nicht vor den gewalttätigen Übergriffen ab. Aus Angst Opfer zu werden, haben sich einige Menschen Schilder in ihre Autos geklebt. „Rüganer im Dienstwagen“ oder „ICH BIN KEIN URLAUBER“ steht auf den Zetteln, die gut sichtbar in Auto liegen.

„Verpissen Sie sich!“

Eine Hotel-Angestellte, deren Dienstwagen ein Berliner Kennzeichen hat, berichtet in der „Bild“-Zeitung: „Ich wurde zuletzt mehrfach, besonders von Rentnern, am heruntergelassenen Autofenster angepöbelt. Sie riefen: Verpissen Sie sich, scheiß Touristen, ihr bringt uns den Virus hier her!“

Außerdem würden einige Anwohner vermeintliche Touristen bei der Polizei anschwärzen. Bei der Polizei Stralsund würden täglich im Durchschnitt 40 Verdächtigungen eingehen, von denen allerdings mehr als drei Viertel falsch seien.

Auf dem Land sollte es sicherer für sie sein

Der „Tagesspiegel“ berichtet von einem Ehepaar aus Berlin – sie 73 Jahre alt, er über 80. Seit 30 Jahren verbringen sie die Hälfte des Jahres in ihrem Ferienhaus auf einer Ostseeinsel, abgelegen und umgeben von 13 Hektar Land. Der Gedanke, in ihrer Berliner Wohnung auszuharren, war ihnen unerträglich. In der Abgeschiedenheit der Insel sei es sowieso sicherer für den Mann. Doch nun traut er sich aus Angst vor missgünstigen Nachbarn tagsüber nicht mehr aus dem Haus.

Nicht selbst Detektiv spielen

Der Landestourismusverband Mecklenburg-Vorpommern hält nichts von selbsternannten Hilfssheriffs. Sprecher Tobias Woitendorf sagt: „Niemand ist dazu aufgerufen, andere zu kontrollieren, zu sanktionieren oder anzuschwärzen. Das Land und die Behörden haben die Lage im Griff. Ich bitte die Leute daher dringlich darum, nicht selbst Detektiv zu spielen!“

Das Auto hat er schon versteckt

In Brandenburg ist die Situation in bestimmten Landkreisen ähnlich. Zum Beispiel in Ostprignitz-Ruppin. Um nicht als Berliner erkennbar zu sein, haben Jens Richter und seine Frau ihr Auto versteckt, das Tor zur Einfahrt geschlossen. Dass diese Maßnahmen in ihrem 60-Seelen-Dorf, wo sie sich seit zehn Jahren einbringen, einmal nötig sein müssten, hätten die beiden nie gedacht: „Wir fühlen uns wie Aussätzige.“ Zum Einkaufen fahren sie jetzt mit der Nachbarin – deren lokales Kennzeichen ist unverdächtig.