Polen per Pedale

Urlaub in Polen, das heißt oft Ferien an der Ostsee oder in Schlesien. Ein neuer Fernradweg lädt dazu ein, unbekannte Orte im „Wilden Osten“ zu entdecken


Der Hexenberg in Świętokrzyskie, auf dem ein Kloster mit Mumien und Mönchen thront. Die Ruine von Schloss Krzyztopór, Werk eines wohl wahnsinnigen Astronomen. Jene 180 Jahre alte Holzmoschee am Knyszyńska-Urwald, wo bis heute polnische Tataren beten. Russische Saunen an der litauischen Grenze. Der Kristallfluss Czarna Hańcza, der durch den Wigierski-Nationalpark in den Wigry-See fließt, in dem eine barocke Klosteranlage liegt. Polens Osten wimmelt von Sehenswürdigkeiten. Das Problem – oder gerade das Tolle daran – ist: Kaum einer weiß von ihnen.

Selbst vielgereiste Polenfans haben sie oft noch nie gehört, die Orte mit den Zungenbrechernamen abseits der beliebten Urlaubsziele wie Schlesien, Krakau, Ostseeküste. Dank eines neuen Fernradwanderweges lassen sich die weißen Flecken auf der Urlaubskarte nun erkunden. Green Velo heißt er, sein Claim: „2000 Kilometer und 2000 Gründe, länger zu bleiben“. Und zwar gerade auch in den östlichen Grenzgebieten. Sie sind touristisch kaum erschlossen, der Ausdruck „Geheimtipp“ wäre maßlos untertrieben.


Der Grenzgänger

Der „Östliche Radweg Green Velo“ kuschelt sich an Staatsgrenzen, die nicht immer ohne Zündstoff waren – oder sind. Beginn der 1885 Kilometer langen Hauptstrecke ist Elbing (Elbląg), eine abwechselnd preußische und polnische Stadt am Frischen Haff der Ostsee. Durch dieses Küstengewässer geht die Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad. An Land zieht sie sich in einer fast schnurgeraden Linie nach Osten bis Litauen. Es heißt, Stalin habe die Grenze 1945 mit seinem Pfeifenstil quer durch Ostpreußen gezogen, als er sich den nördlichen Teil um den Ostseehafen Königsberg als Kriegsbeute nahm. Bis zum Ende der Sowjetunion war Kaliningrad Militärsperrgebiet. Inzwischen ist die Einreise mit russischem Visum möglich. Aber seit der Krim-Krise ist das Verhältnis zwischen Polen und Russland extrem angespannt, die Grenze wird verstärkt bewacht.

Entlang und teils dicht an dieser Grenze radelt man durchs frühere Ostpreußen bis zum Dreiländereck Russland-Polen-Litauen. Es liegt im Landkreis Suwałki, der zum Großfürstentum Polen-Litauen gehörte, dann zu Preußen, ab 1815 zum russischen Zarenreich, dann wieder zu Polen, Ostpreußen, Polen. Nato-Militärs nennen die Region „Die Suwałki-Lücke“: Nur 100 Kilometer trennen hier das russische Kaliningrad von Weißrussland, das sich südlich an Litauen anschließt und dort ein zweites Dreiländereck mit Polen bildet.

Diese schmale Verbindungsstelle gilt als Nadelöhr zwischen den Nato-Staaten Polen und Litauen, die militärische Brisanz sieht man der abgelegenen Gegend jedenfalls nicht an. Für Touristen ist die Gegend besonders reizvoll, gerade wegen der oft überraschenden Zeugnisse verschiedener Kulturen – und der unberührten Natur. Der Green-Velo-Weg schlängelt sich hier durch eine Eiszeitlandschaft mit Moränenhügeln, Findlingsfeldern, Seen. Darunter der Hancza-See, ein 108 Meter tiefes Tauchparadies mit zwölf Meter Unterwassersicht, das unter Naturschutz steht.

Durch den wunderschönen Wigierski-Nationalpark radelt man weiter, durch den Augustow-Urwald, nun immer Richtung Süden. Nach einem Schlenker durch den Białowieża-Nationalpark, wo die letzten wilden Wisente Europas leben, schmiegt sich der neue Radweg wieder eng erst an die weißrussische, dann an die ukrainische Grenze fast bis an die Slowakei.

Im Karpatenvorland erreicht man die polnisch-ukrainische Grenzstadt Przemyśl, die eine abenteuerliche Geschichte hat, wie die ganze hiesige Region Galizien: Sie fiel bei der ersten Teilung Polens 1772 an die Habsburger, war Ziel von Tataren-Überfällen und im Ersten Weltkrieg Schlachtfeld von Österreich-Ungarn und der russischen Armee. 1939 marschierte die Wehrmacht ein, übergab Galizien aber wegen des Hitler-Stalin-Pakts der Roten Armee, dann wurde es zum Teil der Ostfront. Erst hier schwenkt der Green Velo weg von der Grenze. Richtung Westen führt er bis ins Gebirge Świętokrzyskie, übersetzt Heiligenkreuz, benannt nach einer Reliquie im Kloster auf dem Kahlen Berg: ein Splitter vom Kreuz Jesu. In dieser dünn besiedelten Region endet der Green Velo.

Die Schilder

Polens östlichster Radweg ist zugleich der längste des Landes. Er führt durch fünf Woiwodschaften (Polens Provinzen) und kostete 65 Millionen Euro, größtenteils EU-Fördergelder. Böse Zungen spotten, das gesamte Geld hätten die Green-Velo-Schilder verschluckt, die man einfach an alte Waldwege gestellt habe. Das stimmt natürlich nicht. Wahr ist aber, das die Qualität der Strecke durchwachsen ist.

Tatsächlich führen rund drei Viertel des Green Velo über Wege, die schon vorher existierten. Teils fährt man auf radweglosen Landstraßen durch Gegenden, in denen Radtourismus noch exotisch ist. Zwar wurden ruhige Straßen ausgewählt, doch von den Autofahrern, die dort unterwegs sind, rasen einige beängstigend eng vorbei. Dann wieder holpert man über sandige Urwald-Wurzelwege fernab jeder Zivilisation. Ein herrliches Naturerlebnis – aber nur auf einem guten Mountainbike.

Ein vernünftiges Rad mit Reparaturset ist Pflicht, denn 360 Kilometer des Green Velo führen über unbefestigte Wege. Ganz neu erbaut sind nur rund 400 Kilometer, deren Qualität dann aber keine Wünsche offen lässt. Teils sind es Radwege parallel zu Straßen, teils ebene Abschnitte auf stillgelegten Bahndämmen. Weitere 100 Kilometer bilden erneuerte Radwege, autofrei. Experimentell ist der kurze LED-Radweg bei Heilsberg (Lidzbark Warmiński), dessen fluoreszierender Belag nachts leuchtet.

Der Green Velo ist von der Beschaffenheit also genauso variantenreich wie die Regionen, durch die er führt. Seine Leistung besteht darin, diese zu erschließen, versprengte Wege zu verbinden. Dafür wurden auch 130 Kreuzungen und 80 Brücken neu errichtet.

Wahr ist auch, dass die Beschilderung exzellent ist. Rund 7000 Markierungen mit dem Schriftzug „Green Velo“ weisen vor und nach jeder Abzweigung den Weg, oft mit Entfernungsangaben zu wichtigen Orten – oder zu Radwegen, die den Green Velo kreuzen und viele Rundtouren ermöglichen. Auf 230 neuen Radwanderplätzen hängen außerdem Übersichtskarten. Gut investiert wurde auch in die Green-Velo-Webseite mit interaktiven Karten und Routenplanern samt App fürs Smartphone und in gute Broschüren und Karten, kostenlos erhältlich beim Polnischen Fremdenverkehrsamt in Berlin. So wurden ein Dutzend „Radfahrerparadiese“ und „Königreiche“ an der Strecke ausgearbeitet, die man für einen Urlaub wählen kann. Etwa „Das Suwałki-Gebiet und der Urwald Augustowska“,

„Polesien“ oder „Karpatenvorland“.

All dies ist wichtig – auch weil einige Services fast ganz fehlen, die an etablierten Radwanderzielen längst Standard sind. Etwa die Möglichkeit, ein Rad an Punkt A auszuleihen und nach einer Woche an Punkt B zurückzugeben, oder begleitender Gepäcktransfer. Zwar gibt es neu zertifizierte „Radfahrerfreundliche Unterkünfte“, oft mit Radverleih und Service, sie arbeiten aber meist noch lokal für sich. Nur wenige Pioniere bieten Green-Velo-Touren mit Transferservice an. Meistens heißt es: selber planen. Dank der vielen Querverbindungen sind schöne Rundtouren in den „Königreichen“ möglich, die Gastgeber der Unterkünfte helfen gerne bei der Umsetzung. Radwandern auf dem Green Velo ist aber noch ein Abenteuer, das gut vorbereitet sein will – und Lust an Überraschungen erfordert.

Die Überraschungshighlights

Egal für welches der „Königreiche“ sich Radabenteurer entscheiden, sie werden reich belohnt. Allein schon wegen der Natur: Der Green Velo führt durch fünf Nationalparks und 77 weitere Schutzgebiete, darunter Białowieża, Europas letzter Flachlandurwald und der einzige Ort, wo noch Wisente frei leben. Doch auch Kultur- und Kulinarikfans kommen auf ihre Kosten, denn die Grenzgebiete sind geprägt von einer Vielfalt an Völkern und Kulturen, von Slawen, Preußen, Tataren, Ukrainern, Balten, Russen, Muslimen, Juden, katholischen und orthodoxen Christen.

In Ermland-Masuren beeindruckt noch viel Backsteingotik, etwa der Frauenburger Dom am Frischen Haff, wo Kopernikus ruht. Weiter östlich in der Rominter Heide staunt man über vermeintlich römisch-antike Baukunst: Die 26 Meter hohen Viadukte von Staatshausen (Stańczyki) sind spektakulär mit ihren perfekten Proportionen. Es sind Reste einer Eisenbahnbrücke, erbaut im Ersten Weltkrieg von den Deutschen – und zwar tatsächlich nach dem Vorbild der römischen Pont du Gard in Frankreich. Seit die Bahnlinie 1945 von der Roten Armee demontiert wurde, liegt sie im Dornröschenschlaf.

In Podlachien empfängt Fotokünstler Piotr Malczewski deutsche Gäste in ihrer Sprache. Sein Studio mit Café und einfacher Unterkunft für Rad- und Kanuurlauber liegt bei der litauischen Grenze am glasklaren Fluss Czarna Hańcza. Buda Ruska heißt das Dorf, das 1778 von Russen gegründet wurde. Das Holzhaus mit blauen Verzierungen und Bauerngarten wirkt idyllisch – ein alter Hof, den der Fotograf originalgetreu restauriert hat. Der Garten ist dekoriert mit Fundstücken: Soldatenhelme, Tierschädel, Baumwurzeln, Federn. In der Scheune zeigt eine Ausstellung die verschwindende Kultur der Altgläubigen: russische Gemeinden, die im 17. Jahrhundert Reformen der Orthodoxen Kirche ablehnten und verfolgt wurden. Sie wanderten oft aus, lebten isoliert nach strikten Regeln. Fremde waren ausgeschlossen, Fotos ihres Alltags sind sehr rar. Die Ausstellung ist auch deshalb eine sehenswerte Überraschung.

Auf der Terrasse biegt sich der Tisch unter dem Festmahl, das Piotrs Frau Agnieszka zubereitet hat. Rote-Beete-Suppe, gefolgt von köstlichen Kakory: Kartoffelteigtaschen, gefüllt mit Sauerkraut, Pilzen und Zwiebeln, eine von vielen regionaltypischen Spezialitäten am grenznahen Green Velo. Beim Zwetschgenkuchen erklärt Piotr die Besonderheiten der russischen Sauna, die man hier ausprobieren kann.

Drei Kilometer weiter werden die Radler wieder auf Deutsch begrüßt – in der Galerie des Künstlers Andrzej Strumiłło. Der 89-Jährige ist in Litauen geboren, bereiste nach dem Krieg Asien, lebte in Manhattan, stellte auf der halben Welt aus. Doch es zog ihn zurück an die litauische Grenze, wo er nun in einem alten Holzhaus wohnt, mit seinen erwachsenen Kindern Anna und Rafał Strumiłło, ebenfalls Künstler. Sein Deutsch lernte er in einer Zeit, an die sich hier im Osten niemand gern erinnert. Lieber spricht er über die seltenen Tiere des Waldes, die uralten Bäume. Und über die Araberpferde, die er züchtet. Wie seine Kunstwerke sind sie von Weltrang – noch eine Überraschung hier mitten im Grenzgrün.

Unfassbar ist die 1,3 Hektar große Schlossruine Krzyztopór im Świętokrzyskie-Gebirge. Ihre Geschichte erzählt Sandra Nogaj, die hier eine Landpension betreibt, auch gerne auf Deutsch. Bis zur Entstehung von Versailles war die von Fürst Krzysztof Ossoliński 1644 erbaute Schlossanlage die größte Europas – und sicher die prächtigste: Kristallspiegel hingen sogar in den Ställen für die 100 Araberpferde. Einer der Riesensäle hatte als Decke ein Aquarium, damals ein architektonisches Wunder. Der Adelige war besessen von Magie, Astrologie und Astronomie: Die Zahl der Türme entspricht den sieben Wochentagen, es gab zwölf Säle, so viele wie Monate im Jahr, 365 Zimmer, jedes Detail war nach dem Kalender ausgerichtet. Bis heute gibt es unerforschte Tunnel und Keller, in denen Archäologen Dinge finden, die sie nicht erklären können. Legenden um sagenhafte Schätze und mindestens zwei Geister – eine weiße Frau und ein schwarzer Ritter – sind weiterhin lebendig. Man braucht eineinhalb Stunden, um die Ruinen zur Hälfte zu besichtigen. Die andere Hälfte ist identisch: Alles ist spiegelgleich angelegt.

Die 2000 Kilometer Green Velo flott abzuradeln, dauert etwa einen Monat. Die mindestens genauso vielen Highlights am Wege zu erkunden – vielleicht ein ganzes Jahr.




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