Wo Gott keinen Urlaub macht - Biblische Geschichten an der Ostsee

Seelsorge in schwierigen Stunden, Gespräche rund um Hochzeiten, Predigten am Strand: Wenn Urlauber aus ganz Deutschland im Sommer nach Mecklenburg-Vorpommern kommen, bedeutet das auch für die Pfarrer im Land viele Überstunden.


Rostock (dpa/mv) – Noch bis diesen Freitag muss Pfarrer Matthias Borchert am späten Nachmittag los zum Strand: Dann liest er in einem Strandkorb von Kühlungsborn biblische Gute-Nacht-Geschichten vor – und dutzende größtenteils junge Urlauber lauschen ihm. Es ist nur eines von vielen Sommer-Angeboten der Nordkirche an jenen Orten in Mecklenburg-Vorpommern, «wo Kirche Urlaubsort wird», wie Borchert erzählt.

Er ist seit August 2016 als einziger Pastor im Land laut Dienstvertrag zu 50 Prozent Urlaubsseelsorger. Der 57-Jährige hatte die Idee zum Kirchenstrandkorb im vergangenen Jahr zum ersten Mal. «Uns ist wichtig, dass die Eltern ihre Kinder hier nicht einfach abgeben, sondern dabei bleiben, mitmachen», sagt Borchert. So könne er mit den Urlaubern Kontakt aufnehmen, sie anschließend zum Bastel-Café in die Pfarrscheune einladen – und zum Austausch.


Und seine Bilanz fällt positiv aus. Er habe in den Hochsaisonmonaten Juli und August viele Kontakte geschlossen, sagt Borchert. «Ich bin zufrieden.»

Wenn die Menschen aus ganz Deutschland an Ostsee, Müritz und Peene Erholung suchen, dann macht Gott keinen Urlaub. Im Gegenteil: Seine Vertreter in den 405 Kirchengemeinden zwischen Sassnitz (Landkreis Vorpommern-Rügen) und Röbel/Müritz (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte) machen Doppelschicht.

Auch Pastor Klaus-Peter Weinhold, der für die Kaiserbäder Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin (Landkreis Vorpommern-Greifswald) auf Usedom zuständig ist, zählt seine Wochenstunden lieber nicht, wie er mit einem Lächeln sagt. Sein Kalender sei ebenso voll wie das Angebot für Urlauber: Regelmäßige Kirchen- und Orgelführungen, wöchentliche Konzerte, Vorstellungen in der Kurmuschel oder kleine Theaterstücke der Jugendlichen seiner Gemeinde. Außerdem sei er Ansprechpartner rund um die «vielen Taufen, Vermählungen, Jubiläen wie Goldene, Silberne oder Rubin-Hochzeiten, die Menschen bewusst im Urlaub feiern», sagt Weinhold. Durch die Nähe zu Berlin sei auf Usedom nicht nur im Juli und August Saison, sondern das ganze Jahr über Betrieb.

«In der Urlauberseelsorge sehe ich immer wieder, dass man mit fremden Menschen, die ein kirchliches Interesse haben, relativ gut und dicht ins Gespräch kommt», erzählt der Pastor. «Weil sie von den Alltagssorgen ein bisschen entrückt sind.»

Der Urlaub könne auch die Chance bieten, darüber nachzudenken, wie es im Leben weitergehen soll, denn «mit dem anderen Rhythmus kommen auch Bedürfnisse hoch, die sonst verschüttet sind». Andererseits könne der Urlaub auch zum «Ort der Krise» werden: «Neulich haben wir eine Urlauberin, die einen Todesfall hatte, ins Gästezimmer unseres Pfarrhauses für zwei Nächte geholt», berichtet Weinhold. Es sei wichtig gewesen, einen geschützten Raum zu bieten, wo die Frau nicht von der Urlaubsfreude der anderen Menschen überwältigt wurde.

Melanie Ludwig, Tourismus-Pastorin in der Kirchengemeinde Stuer (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte), begegnen immer wieder «Urlauber, die sagen, keinen Glauben zu pflegen», wie sie erzählt. Dann aber werde etwa durch ein Kirchenkonzert ihr Interesse geweckt. «Plötzlich haben sie eine Sehnsucht nach einem Ort, wo man innerlich zur Ruhe kommt.»

Sie erlebe oft, dass Urlauber die Anonymität nutzen, um seelsorgliche Gespräche zu führen, sagt Ludwig. Sie höre oft den Satz: «Es ist schön, mit jemandem reden zu können, der gegenüber der eigenen Person unvoreingenommen ist.» Da spielten manchmal Schuld- oder Schamgefühle eine Rolle, von denen Nachbarn oder Freunde nichts mitbekommen sollen.

Wie ihr Kollege aus Kühlungsborn hat sie im August erstmals «Gute-Nacht-Geschichten am Strand» in Boek (Landkreis Müritz) samt Stockbrot am Lagerfeuer angeboten: «Am Rande gibt es dort auch seelsorgliche Gespräche.»

In Kühlungsborn wundert sich Urlaubsseelsorger Borchert etwas: Seine eigene Gemeinde müsse sich wohl erst daran gewöhnen, dass der Pfarrer in den Sommermonaten nicht nur für sie da ist, erzählt er. «Ich sage ihnen dann: Die Angebote gelten doch auch für Euch, die ich für die Urlauber mache.»

Quelle: dpa




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