Ostseestrand will Online-Reservierungen einführen, macht Rechnung aber ohne Tourismus

Ist das Wetter schön warm, tummeln sich viele Gäste am Ostseestrand.

 
 
 

Die Idee klingt auf den ersten Blick relativ vernünftig. Weil einige Strände an der Ostsee in Corona-Zeiten zu voll werden könnten, will die Tourismus-Agentur Lübecker Bucht Online-Reservierungen für den Strand einführen. Doch das System hat Schwächen. Nun ist die Gemeinde Scharbeutz eigeknickt.

Das System erinnert irgendwie an typisch deutsche Urlauber, nur ist es viel moderner. Statt mit einem Handtuch frühmorgens eine Liege für den Tag zu reservieren, lassen sich Plätze am Ostseestrand von Scharbeutz nun per Online-Buchung sichern.

Der Anlass dafür ist die Corona-Pandemie. Weil einigen Strandabschnitten eine Auslastung droht, bei der die Abstands- und Hygieneregeln nicht eingehalten werden könnten, suchte die Gemeinde Scharbeutz nach einer Lösung und fand sie in einer Idee der Tourismus-Agentur Lübecker Bucht (TALB).

Ostsee: Scharbeutz will Online-Buchungen für Strand einführen

Die plante ein Buchungssystem für den Strand, durch das Tagestouristen nur noch über Reservierungen an den Strand gelangen konnten. Dabei geht es vorrangig um die schmale Strandfläche zwischen Meer und Strandkörben.

Immer 24 Stunden zuvor werden Kontingente freigeschaltet; die Kontrolle sollten die Strandkorbvermieter übernehmen, bei denen ohnehin eine Kurtaxe in Höhe von drei Euro entrichtet werden muss. Liegeplätze, die bis mittags nicht eingenommen sind, werden wieder freigegeben.

Auch ohne Buchung: Anwohner und Hotelgäste dürfen an den Strand

Doch das System hat Schwächen. Hotelgäste und Anwohner dürfen immer an den Strand. Wie viele Plätze dann für Tagesgäste übrigbleiben, sollen die Strandkorbvermieter täglich abschätzen und der TALB mitteilen. An hochfrequentierten Strandabschnitten sollen Sensoren messen, wie viele Gäste sich am Strand aufhalten.

Das finden nicht alle gut. „Die Welt lacht über Scharbeutz“, sagt Töns Haltermann der „Zeit“. Der Hotelier ist Inhaber des Bayside-Hotels in Scharbeutz und eigentlich nicht auf Tagesgäste angewiesen. Dennoch regt ihn die geplante Strand-App mächtig auf. Online-Buchungen für den Strand nennt er „durch und durch eine Vollkatatstrophe“ und plädiert für eine Regulierung durch die Anzahl der Parkplätze.

Hotelier lästert: „Scharbeutz war wirklich scheiße“

Dem Touristen vermittle man eine falsche Botschaft, glaubt Haltermann. „Eigentlich will ich dich nicht. Fahr woandershin.“ Ihn stört solcher „Hühnerkram“ aus persönlichen Gründen. Hält er sich doch zugute, das Image des Ortes mit aufpoliert zu haben.

„Scharbeutz war wirklich scheiße, ein Familienort für langweilige Menschen“, meint der Hotelier im Gespräch mit der „Zeit“. Erst durch die Promenade und Orte wie das Bayside Hotel sei Scharbeutz beliebt geworden. Unterstützung erhält er von einem langjährigen Strandkorbvermieter.

„Das wird das totale Chaos“, glaubt Lino Cimmino, der seinen Strandabschnitt seit 17 Jahren pachtet und mittlerweile auch ein Restaurant in Scharbeutz besitzt.

Die Unwissenden, denen die Reservierungspflicht nicht bekannt sei, würden weiterhin anreisen. Und dann? „Entweder rufen wir dauernd die Polizei, oder ich gehe an den Strand und klopfe die Leute weg“, lacht der Strandkorbvermieter.

Bürgermeisterin: Wollen uns nicht mit einem System zum Deppen machen

Schon bevor die Strand-App eingeführt ist, sorgt sie für Ärger. Das spürt auch Bettina Schäfer. Die Bürgermeisterin bezifferte die Chancen auf die Umsetzung der App vergangegen Woche auf 50 Prozent. „Das Letzte, was wir wollen, ist, uns mit einem System zum Deppen zu machen“, sagte sie der „Zeit“. Nun wurde die Einführung gar komplett gecancelt.

Von Donnerstag an können sich Tagestouristen im Internet darüber informieren, wie voll die Strände in Scharbeutz und anderen Orten der Lübecker Bucht sind. Das passiert über den „Strandticker“, der ebenfalls ein Projekt der Tourismus-Agentur Lübecker Bucht (Talb) ist und nun dabei helfen soll, die Gästeströme besser zu lenken. Eine Ampel solle anzeigen, welche Strandabschnitte bereits überfüllt seien und wo es noch freie Kapazitäten gebe, sagte der Geschäftsführer der Talb, André Rosinski, am Mittwoch.

Strandticker statt Strand-App: Gemeinde Scharbeutz behilft sich anders

Die Informationen im Strandticke sollen den Angaben zufolge zunächst auf Mitteilungen der Strandkorbvermieter basieren und viermal täglich aktualisiert werden. In einer geplanten zweiten Stufe sollten dann Sensoren an einigen Strandzugängen die Badegäste zählen und automatisch signalisieren, wenn der Strand zu voll sei, sagte Rosinski.

Der Strandticker gilt für die Ostseebäder Scharbeutz mit dem Ortsteil Haffkrug sowie für Sierksdorf, Pelzerhaken und Rettin. Die kolportierte Strand-App ist hingegen schon zum Fall für Mottenkiste, bevor sie jemals eingeführt wurde.