Naturkunde: Die Ostsee und der Muschelsammler

Cismar hat 500 Bewohner, davon etliche Künstler, und mit gutem Willen kann man es als Mini-Worpswede an der Ostsee bezeichnen.

 
 
 

Eine Reise nach Cismar, wo Vollrath Wiese die größte und artenreichste Mollusken-Ausstellung Deutschlands aufgebaut hat. Er kennt sich wie kaum ein anderer aus mit Schnecken, Muscheln und Kopffüßlern. Und empfängt in seinem kleinen Privatmuseum auch gern wissbegierige Touristen.

Cismar. Als in dem kleinen Klosterdorf Cismar an der Ostseeküste von Schleswig-Holstein die ersten Blumen blühten, saß Vollrath Wiese in den alten Sommerlinden vor dem „Haus der Natur“ und beschnitt die Äste. Unten stand Gyde Wiese, seine Frau. Sie sammelte auf, was von oben herabfiel, vielleicht wachte sie auch über ihren Mann, der von Ast zu Ast turnte und mit jedem Vorübergehenden aus luftiger Höhe einen fröhlichen Klönschnack hielt.

Cismar hat 500 Bewohner, davon etliche Künstler, und mit gutem Willen kann man es als Mini-Worpswede an der Ostsee bezeichnen. Man braucht zu Fuß 15 Minuten durch den Ort, mit dem Auto nur drei. Auf diesem Weg kommt man vorbei am Kloster, vor Urzeiten eine wichtige Benediktinerabtei, am weißen Haus, wo die Dichterin Doris Runge wohnt, am alten Pastorat, dort lebt der Keramikkünstler Jan Kollwitz, Urenkel von Käthe.

Und man passiert das Haus der Natur, das die größte und artenreichste Mollusken-Ausstellung Deutschlands beherbergt. In den Ausstellungsräumen und im wissenschaftlichen Archiv unter dem Dach lagern die Gehäuse von mehr als einer Million Muscheln und Schnecken, die aus 106.000 Fundserien stammen. Die meisten davon kommen von privaten Sammlern.

Wenn man bei Wikipedia Malakologie eingibt, die Forschung über die Weichtiere – damit sind Schnecken, Muscheln und Kopffüßler gemeint, Tiere, die im Meer, in Süßwasser und bisweilen an Land leben – , dann findet man einen Abschnitt über die wichtigsten Sammlungen. Diese besitzen das Senckenberg-Museum in Frankfurt, das Naturkundemuseum in Berlin sowie die Universitäten München, Frankfurt, Gießen und Hamburg. Und das Haus der Natur in Cismar.

Nun ist es eher unüblich, dass ein Museumsdirektor die Bäume vor dem Museum beschneidet. Oder in Gummistiefeln den Rasen mäht, die Fensterrahmen streicht, die Maurerkelle schwingt. Doch Vollrath Wiese, 57 Jahre alt, ist eben nicht nur der Direktor, sondern auch der Besitzer dieses Hauses. Und weil das so ist, muss er sparen, wo er kann. Der Unterhalt wird allein aus Eintrittsgeldern finanziert und aus den Spenden des kleinen Fördervereins, dazu aus Geld, das Wiese dafür bekommt, Gutachten zum Natur- und Artenschutz zu schreiben. 15.000 Euro aus eigener Kasse schießen die Wieses jährlich für den Museumserhalt zu.

In Deutschland gibt es 486 Privatmuseen. Die großen unter diesen gehören Menschen, die sehr viel Geld haben. Was nicht für die Wieses gilt. Vollrath Wiese, promoviert mit einer museumspädagogischen Arbeit, ist eigentlich Lehrer, seine Frau auch. Doch Brotgewinnerin ist allein Gyde Wiese. Ihr Mann ist aus familiären Gründen seit ein paar Jahren freigestellt und kann sich seither intensiv um Forschung, Sammlungen und der Pflege eines Malakologen-Netzwerks widmen. Anfragen zur Bestimmung oder Einordnung von Mollusken und Conchylien – die Schalen der Weichtiere – erreichen ihn aus der ganzen Welt. Cismar mag für die meisten Erdbewohner ein unbekannter Ort sein, für die Malakologen ist es bedeutend.

Solch Ruhm kommt nicht von ungefähr. Sondern unter anderem daher, dass Vollrath Wiese in seinem Museum so gut wie wohnt. Sieben Tage die Woche, zehn oder mehr Stunden, stehen dort die Türen offen, und wenn jemand außerhalb der Öffnungszeiten hinein will, ist das auch kein Problem. Wiese ist fast immer da. Auch in tiefer Nacht sieht man ihn oft hinter den hohen Fenstern seines Büros neu eingetroffene Sammlungen sortieren oder am Computer arbeiten.

Im Winter, wenn Cismar im tiefen Schlaf liegt und nur gelegentlich ein Besucher vorbeikommt, kann Wiese ungestört forschen, die umfangreiche Datenbank ergänzen, in die sich Malakologen von überall einloggen können. Und Aufsatz über Aufsatz für internationale Magazine schreiben oder für die „Schriften zur Malakozoologie aus dem Haus der Natur – Cismar“. Gerade erschien Heft 30.

Im Sommer aber, wenn die Badegäste da sind, ist es vorbei mit der Ruhe. Denn es sind nur selten die Hobby-Malakologen, die Conchylien-Sammler, die zu Wiese kommen. Die meisten der Besucher sind Familien, die einfach ein Naturkundemuseum besichtigen wollen.

Wiese begrüßt gerne jeden persönlich und wird nie müde, den immensen Artenreichtum der Mollusken-Ausstellung zu erwähnen: die schier unglaubliche Anzahl von Flügel-, Kegel-, Flöten-, Skorpion- und Sternschnecken, die wunderschöne Guildfordia, die aussieht wie eine Sonne und Murex pecten, die Venuskammschnecke, ein Wunderwerk der Natur. Meeresschnecken mit Haar auf dem Gehäuse. Wozu brauchen sie das? Dann gibt es solche, die lange, nadelfeine Stacheln ausbilden. Ist das noch Zweck? Oder Kunst? Warum sind manche von rechts nach links, nicht von links nach rechts gedreht? Gibt es einen Bauplan? Oder ist das Zufall?

Wenn man Wiese – Seitenscheitel, Schnauzer, gerne Socken in Sandalen – fragt, ob er nicht sein Leben lang für seltsam und verrückt gehalten wurde, dann ruft er begeistert: Ja! Schon als Kind verbrachte er seine Zeit in den Wäldern und an den Stränden rund um Cismar, seine erste Muschel hob er mit fünf Jahren auf: Es war eine versteinerte Auster, die heute mit in der Sammlung liegt. Mit zwölf Jahren fing er an, Mollusken zu kaufen und zu tauschen.

Die kindliche Sammlerleidenschaft wurde vom Vater, Schulmeister und Biologe, mit Anleitung und von der Mutter mit Geduld gefördert. Viele Jahre später, noch immer Wegbegleiter ihres Sohnes, seiner Sammlungen und Forschungen, Mitbegründer des Museum, erhielten sie für ihr ehrenamtliches Engagement das Bundesverdienstkreuz.

Als der Junge vierzehn war, passte, was er am Meeressaum und im Wald aufgehoben hatte, nicht mehr in sein Zimmer. Da sprach der Vater, so eine der vielen Anekdoten, die Wiese mit Augenzwinkern erzählt, ein Machtwort. Entweder alles wird katalogisiert. Oder dat kummt wech. Also katalogisierten der alte und der junge Wiese und für die nunmehr gegliederte, beschriftete Sammlung räumten die Eltern das Esszimmer.

Mit sechzehn war Wiese dann Besitzer von 2000 Mollusken-Serien, da war auch das Esszimmer zu klein. Also bauten die Eltern zwei Garagen. Und weil die gelüftet werden mussten, die Tore im Sommer offen standen, kamen die ersten Neugierigen, um die Sammlung zu besichtigen. Irgendwann stellte Wiese ein Schild vor die Garagen: Kleines Haus der Natur.

Wenn Wiese von diesen Zeiten erzählt, dann klingen sie wie die Geburtsstunde eines großartigen Forscherlebens. Vielleicht deshalb, weil sie auch die Geburtsstunde einer großen Liebe waren. Denn Verrückte wie Wiese gab es noch andere in seiner Klasse am Gymnasium in Neustadt in Holstein. Sie halfen Wiese bei der Erfassung und Bestimmung der Sammlungen, etikettierten, bauten Schaukästen. Eine von ihnen: Gyde. Dass daraus eine lange Ehe werden würde, das, sagt Wiese, hätten sie damals natürlich nicht geahnt. „Aber ein bisschen vielleicht schon.“

Die Garagen reichten bald nicht mehr, und auch nicht die zwei, die die Eltern noch dazu bauten. Inzwischen war Wiese Lehrer, mit Gyde verheiratet, Vater von zwei Töchtern und hatte sich nebenbei einen Ruf als Malakologe erworben. Er organisierte Treffen mit anderen Wissenschaftlern, reiste zu Kongressen, ganz bald wurde er Vorsitzender der Deutschen Malakozoologischen Gesellschaft.

Genau 25 Jahre ist es her, dass Vollrath Wiese schließlich mit seiner Mollusken-Sammlung in die ehemalige Gastwirtschaft Lindenhof umzog. Eine Ruine war diese damals, und hätte es nicht Fördergelder gegeben, niemals hätten sich die Wieses dieses Haus leisten können. Und auch so wurde es eine teure und arbeitssame Angelegenheit. Es fehlten Dach und Fenster, im Innenraum wuchsen Bäume, der Putz bröckelte und Balken moderten.

Vier Jahre dauerte es, bis das Gebäude renoviert war, nicht mit Handwerkern allein, sondern in Eigenarbeit und mithilfe der Dorfbewohner, die in ihrer Freizeit verputzten, strichen, dämmten, tapezierten, Schaukästen bauten, schließlich die Exponate einordneten und beschrifteten. Eine Dorfsache, das war das Museum und ist es noch.

Wiese sieht heute noch genau so aus, wie auf Fotos aus den frühen Forschertagen, nur die Haare sind grau geworden. Jeden Tag trägt er ein Sweatshirt mit dem Aufdruck „Haus der Natur“, er besitzt es in allen Farben. Leicht könnte man in ihm einen versponnenen Sammler vermuten, der sich im eigenen Museum verkriecht, um seiner Leidenschaft nachzugehen. Doch Wiese ist ein harter Arbeiter. Wenn er nicht forscht, bietet er naturkundliche Wanderungen für Touristen, Führungen für Schulklassen, hat eine Jugendforschergruppe ins Leben gerufen und organisiert Sonderausstellungen.

Dass all das möglich ist – er verdankt es seiner Frau, den Dorfbewohnern und Mitstreitern an vielen Orten. Oft, wenn man in sein Büro kommt, sitzt dort einer von denen, die ehrenamtlich helfen. Die Liste derer, die seit Jahrzehnten ihre Freizeit der Museumsarbeit widmen, nimmt in den Jahresberichten zwei Seiten ein. Und auch der Kreis derjenigen, die helfen, die Sammlung zu erweitern, spannt sich über die ganze Welt. Dass Wiese hinter allem her ist, was nicht schnell genug davon kriecht oder schwimmt, hat sich weit herumgesprochen.

Einmal hätte Wiese fast die Chance gehabt, auf einem Forschungsschiff mit in die Antarktis zu reisen. Es wäre traumhaft gewesen. Doch damals war er noch Lehrer, da war es unmöglich, so lange fern zu bleiben. Wirklich bedauern tut er das nicht. Vielleicht, weil er die Welt nicht bereisen muss, sondern durch die Mollusken die Welt erkundet. Weil seine Wurzeln tief in der heimatlichen Erde stecken. Weil in seinem Museum alles ausgestellt ist, was Erdgeschichte und Natur, Schöpfung und Zufall hervorgebracht haben. Oder schlichtweg, weil es zufrieden macht, Malakologe zu sein.

Genügend um die Ohren hat Wiese auch so. Von den Mollusken, die sich noch unter dem Dach befinden, sind lange noch nicht alle erfasst und beschriftet. Zudem kommen immer neue Sammlungen hinzu. Es wird sicherlich noch Jahre dauern und auch viele Ehrenämtler brauchen, um diese Aufgabe zu bewältigen.