Abwrackprämie für die letzten Ostsee-Fischer?

Drastisch gehen die Bestände des Herings auch in der westlichen Ostsee zurück.

 
 
 

Branchenkenner gehen davon aus, dass etwa die Hälfte der 900 Fischer in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein ihre Kutter gegen eine Prämie stilllegen würden.

Brüssel – Es ist das letzte Gefecht: Die deutschen Küstenfischer in der Ostsee kämpfen um ihre Existenz. 800 bis 900 Fischer, die in der westlichen Ostsee teils mit sehr kleinen Kuttern ausfahren und Hering und Dorsch fangen, sind in ihrer Existenz akut bedroht. Die EU hat für die westliche Ostsee die Fangquoten für das nächste Jahr um 60 Prozent reduziert. Umfragen deuten darauf hin, dass mindestens die Hälfte der Fischer in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, die teils im Nebenerwerbsbetrieb tätig sind, die wirtschaftlichen Einbußen nicht verkraften kann und überlegt, ihren Betrieb aufzugeben.

5000 Euro je Bruttoregistertonne?

Jetzt ist eine Abwrackprämie im Gespräch, die den Betroffenen finanziell helfen soll. Jedem Fischer, der seinen Kutter abgibt, soll aus Mitteln des Europäischen Fischereifonds 5000 Euro je Bruttoregister-Tonne seines Bootes zur Verfügung gestellt werden. Dafür machen sich sowohl die Mitgliedstaaten im Ministerrat als auch Stimmen im Fischereiausschuss des Europaparlaments stark. Der Fischereiexperte im Europaparlament, Niclas Herbst (CDU), setzt sich dafür im Europaparlament ein. „Wichtig ist: Der massive Rückgang des Dorsches ist nicht etwa durch Überfischung entstanden.“ Für die krisenhafte Lage seien vielmehr mehrere ökologische Faktoren verantwortlich wie etwa die Erwärmung der Ostsee, eine erhöhte Belastung durch Schadstoffe, aber auch Parasitenbefall sowie die Ausbreitung des Kormorans, der viele Fische erbeutet. „Ich halte es für richtig, dass die EU für nachhaltige Fischerei sorgt. Wenn das so ist, muss dies aber auch sozial verträglich laufen“, äußert sich der einzige deutsche Abgeordnete aus dem EU-Fischereiausschuss weiter.

Grüne skeptisch

Herbst hat einen entsprechenden Beschluss formuliert, für den er Mehrheiten im Europaparlament sucht. Ob Herbst eine Mehrheit bekommt, muss sich erst noch zeigen. Vor allem die Grünen haben Abwrackprämien bisher abgelehnt.

Anschließend will er jedenfalls in die Verhandlungen mit den Mitgliedstaaten und der EU-Kommission ziehen. Während die Mitgliedstaaten ebenfalls eine Abwrackprämie für sinnvoll halten, lehnt die Kommission dies bislang ab. Dabei hat sie eine Abwrackprämie für die Küstenfischer in Polen und im Baltikum selbst vorgeschlagen. Dort sind die Fischbestände noch dramatischer zurückgegangen, weswegen die Quoten so gut wie auf null gesetzt wurden. Dies kommt einem Fangverbot gleich. Herbst: „Es kann aber nicht sein, dass nur den Fischereibetrieben in Polen und im Baltikum geholfen wird. Auch Dänen und Deutsche müssen zum Zuge kommen.“ Die EU müsse sich beeilen. Die betroffenen Fischereiunternehmen hätten nicht genügend Reserven, um Verdienstausfälle länger zu schultern.

Herbst verweist darauf, dass mit der Abwrackprämie für die Ostseefischer keinesfalls ein Präzedenzfall geschaffen werde. Schließlich sehe die Kommission in ihren Plänen für den nächsten Mehrjährigen Finanzrahmen (2021 bis 2027) Abwrackprämien für Fischer in Not vor. Auch der neue Fischereikommissar, Virginijus Sinkevicius, der aus Litauen kommt, hat bei seiner Anhörung im Parlament bereits Sympathien für die mit EU-Mitteln geförderte Stilllegung bekundet.

Schon bislang ist die deutsche Ostseefischerei unter Druck. Die Fangquoten für westlichen Hering wurden zum dritten Mal in Folge gekürzt, um 39 Prozent im Jahr 2018, um 48 Prozent im laufenden Jahr 2019 und jetzt um 65 Prozent für das kommende Jahr.

Der westliche Dorsch darf 2020 zu 60 Prozent weniger gefischt werden als im Vorjahr und ist damit auf dem Niveau der Jahre 2017 und 2018, wobei in den Vorjahren bereits kräftige Kürzungen stattfanden. Ohnehin sind viele Betriebe der Ostseefischerei, die etwa von der Insel Fehmarn aus sowie aus dem Mündungsgebiet der Schlei operieren, überaltert, die Kutter vielfach technisch eher in einem schlechten Zustand.

Nicht zuletzt für den Tourismus an der Ostseeküste spielt die Küstenfischerei aber eine wichtige Rolle. Das Ein- und Ausfahren der Kutter sowie das Anlanden des Fangs tragen vielfach zur Atmosphäre in den ­Häfen bei. Es würde als Verlust empfunden, wenn dieses Handwerk an der deutschen Ostseeküste endgültig ausstirbt.

Die Hoffnung ist, dass durch die Stilllegung etwa der Hälfte der Kutter die anderen Fischer wieder konkurrenzfähig werden. Wenn sich die Fischbestände dann eines Tages erholen, habe auch der Beruf des Küstenfischers womöglich wieder eine Zukunft.