Experte: Land verschläft Bergung von Munition in der Ostsee

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Gutachter Stefan Nehring warnt vor Gefahren durch Bomben im Wasser, etwa vor Usedom. Dass MV die belasteten Flächen erweitert, sei längst überfällig. Nun müsse die Munition aber auch beräumt werden.

Rostock. Schwere Vorwürfe an die Landesregierung: Die Erfassung und Beseitigung von Munition und Kampfmitteln in Küstengewässern werde seit Jahren hinausgezögert, erklärt Dr. Stefan Nehring, Umweltexperte und Gutachter für Rüstungsaltlasten. Er reagiert damit auf die Ankündigung des Schweriner Innenministeriums, die mit Munition belasteten Küstengebiete von bisher 650 auf 15 138 Quadratkilometer auszuweiten. „Das Wissen liegt seit Jahren vor“, so Nehring. Er selbst verfasste in der Vergangenheit mehrere Publikationen zu Munition in der Ostsee, bezeichnet darin etwa das Sicherheitskonzept des Landes zum Schutz von Strandbesuchern nach Granaten-Funden in aufgespültem Sand als „Farce“. Auf einer Karte hat Nehring ihm bekannte Munitionsfunde bereits 2014 dokumentiert (siehe Grafik). Demnach ist die halbe Ostseeküste im Nordosten Problemzone. Es habe in der Vergangenheit viele Schießgebiete des Militärs in der Ostsee gegeben: „Das sind riesige Flächen.“ Nach Kriegen und auch in der DDR-Zeit sei vieles im Meer versenkt worden.

Experte: Man muss die Bomben nun auch beseitigen

„Es reicht nicht, die belasteten Stellen zu dokumentieren, man muss auch rausfahren und beräumen“, fordert Nehring. Denn Gefahren lauerten an vielen Stellen im Meer. Nehrings Einschätzung: „Da liegt alles: von verrottet bis vollständig erhalten.“ Als Beispiel nennt er Phosphorbomben vor der Insel Usedom, abgeworfen 1943 im Zweiten Weltkrieg. „Man weiß genau, wo die liegen“, so Nehring. „Aber niemand beräumt sie.“ Solange sich nichts ändert, würden immer wieder Urlauber durch Kontakt mit Phosphor Schaden nehmen.

Innenministerium: Zuständig ist der Bund

Das Ministerium erklärt, neuere Recherchen hätten zur Erweiterung der mit Kampfmittel belasteten Flächen in der Ostsee geführt, ein Abschlussbericht stehe aus. Das Innenministerium weist die finanzielle Zuständigkeit für die Munitionsfunde zurück. „Die Ostsee ist Bundesgewässer, und da muss der Bund die Beräumung finanzieren“, so Sprecherin Marion Schlender.

Eine Argumentation, die Stefan Nehring kritisiert: „Die Zuständigkeiten werden hin- und hergeschoben, ein altes Phänomen.“