Hiddensee sollte kein Capri der Ostsee werden


 
 
 

Kein Künstler ist mit Hiddensee derart eng verbunden wie Gerhart Hauptmann. Über Jahrzehnte kehrte der Schriftsteller immer wieder hierher zurück. Mit Skepsis beobachtete er, wie sich sein Refugium veränderte.

„Zehn Uhr früh. Die Feriengäste aus Baabe, Binz und Usedom überfluten die Insel. Sie kommen in großen Pulks von den Schiffen herab, dicht aneinandergedrängt“ – so beschreibt der Hiddensee-Besucher Hanns Cibulka in seinen Tagebuchaufzeichnungen „Sanddornzeit“ von 1971, was sich während der Saison bereits damals auf der Insel abspielte, und zieht ein leicht resigniertes Fazit: „Man ist immer unterwegs, von einer Insel zur anderen. Moderner Tourismus.“

Unschwer lässt sich erahnen, was der 2004 verstorbene Cibulka heute anzumerken hätte, wenn er sähe, wie sich sommers im kleinen Rügener Fischerort Schaprode kaum ein Parkplatz finden lässt und die Fähre hinüber nach Hiddensee überzuquellen droht. Rügen und Hiddensee waren schon zu DDR-Zeiten beliebte Ziele für den Ostseeurlaub, nachzuhören in Nina Hagens populärem Schlager „Du hast den Farbfilm vergessen“ („Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee …“), doch nach der Wende entwickelte sich das ungleiche Inselduo schnell zum gesamtdeutschen Anziehungspunkt.

Ende des 19. Jahrhunderts war nicht abzusehen, welche Beliebtheit Hiddensee einmal erlangen würde. Reiseführer bezeichneten die lang gestreckte, nicht einmal 20 Quadratkilometer große Insel als „elend“. Um zu ihr zu gelangen, musste man oftmals ausgebootet werden, und erst Ende der 20er-Jahre zog elektrisches Licht in die Siedlungen ein.

„Hiddensee war das geistigste aller deutschen Seebäder“

Hiddensee genießt bis heute den Ruf einer Künstlerinsel, und die Liste der Literaten, Schauspieler, Wissenschaftler und Künstler, die als Hausbesitzer, Langzeitgäste oder Sommerfrischler in den letzten 100 Jahren das Gästebuch der Insel füllten, ist kaum zu überblicken, reicht von Albert Einstein, Ernst Heckel, Otto Mueller, Else Lasker-Schüler, Friedrich Murnau, Thomas Mann, Mascha Kaléko, Anna Seghers bis zu Otto Sander und Günter Grass, dessen Frau Ute von der Insel stammt.

Kein Künstler ist jedoch derart eng verbunden mit Hiddensee wie Gerhart Hauptmann, und kaum einer hat Hiddensee, nachzulesen bei Rüdiger Bernhardt, literarisch so vielfältig verarbeitet. Im Juli 1885 nutzte der 22-Jährige einen Rügen-Aufenthalt zu einem Abstecher nach Hiddensee in kleiner Männerrunde – der Beginn einer intensiven Beziehung, die zu Lebzeiten erst 1943 mit dem letzten Besuch endete.

Hauptmann übernachtete beim ersten Mal in Kloster, im Gasthaus „Schlieker“, und fühlte sich gleich zu einem Gedicht inspiriert, zur „Mondscheinlerche“, dessen zweite und dritte Strophe so klingen: „Mondschein liegt um Meer und Land/ dämmerig gebreitet;/ in den weißen Dünensand/ Well’ auf Welle gleitet.// Unaufhörlich bläst das Meer/ eherne Posaunen;/ Roggenfelder, segenschwer,/ leise wogend raunen.“

Hauptmann ist von anfänglich längeren Unterbrechungen abgesehen immer wieder nach Hiddensee zurückgekehrt, zum Inselbewohner geworden und hat freundlicherweise 1935, anlässlich seiner goldenen Hochzeit mit Hiddensee, einen Slogan geprägt, der sich bis heute als Werbemittel einsetzen lässt: „Hiddensee war das geistigste aller deutschen Seebäder.“

Gerhart Hauptmann erfreute sich an nackten Badegästen

Was Hauptmann auf der entlegenen Insel suchte, war offensichtlich: „Der erste Eindruck, den man von Hiddensee empfing, war der von Weltabgeschiedenheit und Verlassenheit. Das gab ihm den grandiosen und furchtbaren Ernst unberührter Natur und dem Menschen, der in dieses Antlitz hineinblickte, jene mystische Erschütterung, die mit der Erkenntnis von den Grenzen seines Wesens und der menschlichen Kultur überhaupt verbunden ist.“

Eine Vielzahl seiner Werke verfasste Hauptmann hier und beobachtete mit Skepsis, wie sich sein Refugium zum „Capri der Ostsee“ wandelte, all seine Befürchtungen in den Wind schlagend: „Nur stille, stille, dass es nicht etwa zum Weltbad werde.“

Dass sogar das Nacktbaden auf der Insel Einzug hielt, sorgte für Kontroversen.

Während sein Freund Oskar Kruse die skandalösen Vorgänge mit dem Fernstecher beobachtete und die Unmoral zur Anzeige bringen wollte, freute sich Hauptmann an den Stranddarbietungen und nahm die „vielen schönen, oft ganz nackten Frauenkörper“ als Vorlage für seinen Roman „Die Insel der großen Mutter“ (1924).

Die Eitelkeit von Thomas Mann verletzt

Elf Jahre gingen nach seinem ersten Inselbesuch ins Land, ehe er 1896 mit seiner Geliebten und späteren zweiten Ehefrau Margarete wieder nach Hiddensee kam und in Vitte Quartier nahm. Es folgten viele Sommerurlaube – 1901 etwa mit seinen drei Söhnen aus erster Ehe oder von 1916 bis 1920 auf der Lietzenburg in Kloster, einer prachtvollen Jugendstilvilla, die sich der Holzhändler und Kunstmaler Oskar Kruse 1904 hatte bauen lassen. In der 2013 von Grund auf sanierten Lietzenburg kann man sich heute als Feriengast einquartieren.

Gerhart Hauptmann genoss durch die Heirat mit seiner ersten Frau Marie Thienemann früh finanzielle Unabhängigkeit, und alsbald erwies sich überdies sein literarisches Schaffen als einträglich. Seine dem Naturalismus zugerechneten sozialkritischen Stücke wie „Die Weber“ oder „Der Biberpelz“ entwickelten sich zu immensen Bühnenerfolgen, aber auch das heute weitgehend vergessene Märchendrama „Die versunkene Glocke“ wurde zu Hauptmanns Lebzeiten so oft gespielt wie kein anderes seiner Stücke. Er erhielt erste Preise und Orden, und als er 1912, ein Jahr nach der Uraufführung der „Ratten“, den Nobelpreis für Literatur bekam, nahm er eine singuläre Stellung unter Deutschlands Dichtern ein.

Früh dachte Hauptmann daran, sich ein Pendant zu seinem 1901 bezogenen herrschaftlichen Wohnsitz Wiesenstein im schlesischen Agnetendorf zuzulegen, und suchte auf Hiddensee nach einer geeigneten, ihm angemessenen Bleibe. Sein Plan, die Lietzenburg zu kaufen, scheiterte, sodass er gezwungen war, sich weiterhin einzumieten – etwa im „Haus am Meer“ in Kloster, das seit 1952 die heute vom Greifswalder Institut für Zoologie betriebene Vogelwarte beherbergt.

Als Pension erlebte es im Sommer 1924 einen einmaligen Aufmarsch literarischer Patriarchen, das Gipfeltreffen zwischen Hauptmann und Thomas Mann. Was als geselliger Ferienaustausch gedacht war, geriet schnell zum Kampf der Eitelkeiten. Thomas Mann musste schweren Herzens einsehen, dass die monarchischen Verhältnisse auf Hiddensee eindeutig geregelt waren: „König“ Hauptmann sprach man auf gemeinsamen Spaziergängen ständig an, wohingegen für ihn lediglich eine Statistenrolle blieb.

Seine Ehefrau Katia hielt in ihren Erinnerungen „Meine ungeschriebenen Memoiren“ zudem eine weitere zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit fest: Während die Manns mit den „übrigen Gästen im Speisesaal zu essen“ hatten und nur „sehr mäßiges Essen“ bekamen, seien Hauptmann „köstliche Speisen“ auf seinem Zimmer serviert worden – wie immer das die eingeschnappte Thomas-Mann-Gattin festgestellt haben mag.

Ein repräsentatives Haus auf der Ostsee-Insel

1930 erfüllte sich endlich Hauptmanns Traum vom Immobilienbesitz auf Hiddensee. Von der Gemeinde Kloster erwarb er für 32.000 Reichsmark das (damals) alleinstehende Haus Seedorn, das sowohl über einen Ostsee- als auch über einen Boddenblick verfügte. Für die Bedürfnisse des Dichters reichte der Platz freilich nicht aus, und so wurde der Architekt Arnulf Schelcher damit beauftragt, im Winter 1930/31 das Haus um einen Anbau mit Arbeits- und Speisezimmer zu erweitern.

Nun wohnte Hauptmann repräsentativ und komfortabel, wobei es zu den nicht unwichtigsten Annehmlichkeiten des Hauses gehörte, dass der Keller genügend Platz bot, um Wein zu lagern. 450 Flaschen lagen da in Tonröhren bereit, darunter vor allem die Lieblingsweine Ihringer Winklerberg, Rüdesheimer Berg Schlossberg und Assmanshäuser-Rotwein. Den alkoholischen Vorrat über den Bodden auf die Insel zu schaffen war kein geringes Unterfangen, und die Einheimischen wussten genau, dass der Ankunft des Weines bald die Ankunft ihres Dichterkönigs folgen würde.

Heute befindet sich im Haus Seedorn (Kloster, Kirchweg 13) das 1956 eingerichtete Gerhart-Hauptmann-Haus, das weitgehend Originalräumlichkeiten zeigt. Arbeits-, Wohn- und Schlafzimmer, Kreuzgang und Weinkeller, Wohndiele und Terrasse, versehen mit Kunstwerken, die Hauptmann für seinen Sommerwohnsitz selbst anschaffte – das Sommerhaus ermöglicht es, die Arbeits- und Alltagswelt des berühmten Dichters nachzuempfinden.

2012 kam ein moderner Literaturpavillon hinzu, der den Eingangsbereich mit dem historischen Gebäude verbindet. Ausstellungen, Konzerte und Lesungen halten das Museum lebendig, und wer durch den Kreuzgang schreitet oder das Stehpult umkreist, spürt, dass Hauptmann vielleicht der letzte deutsche Dichter war, der sich als Dichter inszenierte.

Günter Kunert spottete über den „Do-it-yourself-Olymp“, den sich Hauptmann da errichtet habe, und auch Hanns Cibulka wird angesichts der Ausmaße des Hauptmann’schen Arbeitszimmers nachdenklich: „Wie bescheiden waren doch die Arbeitsräume seiner großen Zeitgenossen. Ich erinnere mich an das einfache Zimmer von Rainer Maria Rilke im Schlösschen Muzot, an den Arbeitsraum von Hugo von Hofmannsthal in Rodaun bei Wien.“
Am 6. Juni 1946 starb Hauptmann, der zuvor im Februar 1945 noch Zeuge der Bombardierung Dresdens geworden war, in Agnetendorf. Seinem Wunsch gemäß überführte man ihn nach Hiddensee, wo er Ende Juli beigesetzt wurde. Das Grab hinter der Kirche ist leicht zu finden. Ein 1951 enthüllter wuchtiger Findling trägt nur – gestaltet von dem Grafiker und Bühnenbildner Emil Preetorius – in Großbuchstaben den Namen des Toten. Auch Ehefrau Margarete fand hier die letzte Ruhe.

Efeu rankt sich über die Grabstätte – eine Pflanze mit historischen Wurzeln: Als Hauptmann 1932 die USA bereiste, schenkte man ihm den Ableger eines Efeus, den George Washington selbst gepflanzt haben soll. Hauptmann setzte ihn an der Terrasse von Haus Seedorn ein; heute bildet er die schlichte Zierde seines Grabs.

Der Text ist ein gekürztes Kapitel aus „Zum See ging man zu Fuß. Wo Dichter wohnen. Spaziergänge von Lübeck bis Zürich“, von Rainer Moritz, Fotos von Anna Aicher und Andreas Licht, Knesebeck Verlag, 224 Seiten, 40 Euro

Zu den Einheimischen hielt der Dichter meist Distanz

Auf diese Weise war für die Sommermonate alles eingerichtet, und Hauptmann richtete seinen Tagesablauf nach einem festen Rhythmus. Arnold Gustavs, der über 45 Jahre als Inselpfarrer wirkte, mit dem Dichter auf vertrautem Fuß stand und sich bisweilen auch für „niedere“ Arbeiten, das Entsorgen der ausgetrunkenen Weinflaschen etwa, nicht zu schade war, hielt in seinem vielfach aufgelegten Heimatbuch „Die Insel Hiddensee“ fest, dass Hauptmann „frühmorgens zwischen sechs und sieben“ an den Strand ging, sich nach dem Frühstück „mit einem Notizbuch in der Hand“ zu Spaziergängen aufmachte und erst nach Mittagessen und Siesta zur Arbeit schritt: „Um 5 Uhr war Teestunde, wobei Hauptmann Kaffee trank, der seine Gedanken besser ins Rollen brachte. Dann arbeitete Hauptmann etwa zwei bis drei Stunden ununterbrochen. Unterdessen musste absolute Ruhe im Haus herrschen.“

Der Abend schließlich, so Gustavs, gehörte der „Geselligkeit“. Zu den Einheimischen hielt Hauptmann meist Distanz; als volksnaher Dichter erlebte man ihn nicht, zumal er darauf achten musste, aufdringliche Besucher von seinem Haus fernzuhalten.

Am 6. Juni 1946 starb Hauptmann, der zuvor im Februar 1945 noch Zeuge der Bombardierung Dresdens geworden war, in Agnetendorf. Seinem Wunsch gemäß überführte man ihn nach Hiddensee, wo er Ende Juli beigesetzt wurde. Das Grab hinter der Kirche ist leicht zu finden. Ein 1951 enthüllter wuchtiger Findling trägt nur – gestaltet von dem Grafiker und Bühnenbildner Emil Preetorius – in Großbuchstaben den Namen des Toten. Auch Ehefrau Margarete fand hier die letzte Ruhe.

Efeu rankt sich über die Grabstätte – eine Pflanze mit historischen Wurzeln: Als Hauptmann 1932 die USA bereiste, schenkte man ihm den Ableger eines Efeus, den George Washington selbst gepflanzt haben soll. Hauptmann setzte ihn an der Terrasse von Haus Seedorn ein; heute bildet er die schlichte Zierde seines Grabs.

Der Text ist ein gekürztes Kapitel aus „Zum See ging man zu Fuß. Wo Dichter wohnen. Spaziergänge von Lübeck bis Zürich“, von Rainer Moritz, Fotos von Anna Aicher und Andreas Licht, Knesebeck Verlag, 224 Seiten, 40 Euro