Die Entdeckung der weißen Stadt


 
 
 

Eine Stadt ohne Strand mit einem Schlosspark ohne Schloss – Putbus mausert sich dank seiner Gründerzeitarchitektur und einer wachsenden Künstlerszene

Putbus hat keinen Strand. Kein Meer und keine Surfschule, keine Strandkörbe und keine Bäderarchitektur. Für eine Kleinstadt auf Rügen bedeutet das: Hierher verirren sich nur wenige Urlauber. Zumindest war das lange so. Denn so langsam mausert sich die Residenzstadt, und sie hat einiges zu bieten: frisch renovierte Gründerzeitarchitektur, einen Schlosspark ohne Schloss und eine wachsende Szene von Kunsthandwerkern und Galerien.

Einen „Tag am Meer“ kann man hier trotz der Binnenlage erleben, so heißt nämlich der Laden, den Juliane Dressel und Benjamin Treu an der Alleestraße in der Nähe des Marktes betreiben. Die Fassade ist makellos weiß getüncht, an der Tür grüßen fröhlich bemalte Holzbalken. Das Paar verkauft nachhaltige Souvenirs, die es vor allem aus Treibholz herstellt – die Werkstatt befindet sich im Nebenraum.

Kunsthandwerk in bester Lage

Die meisten ihrer Souvenirs verkaufen Dressel und Treu in der Ferienzeit im Sommer. Herbst und Winter nutzen sie für das Sammeln ihres Arbeitsmaterials. Ob das nicht manchmal knapp wird? Schon, sagt Dressel. An den Stränden wachse die Konkurrenz, und immer mehr Spaziergänger fänden es chic, ein Stück Treibholz mit nach Hause zu nehmen. Doch Dressel beteuert, dass sie und ihr Mann mehr entdeckten als die Besucher. „Wir sind im richtigen Moment am Strand, wenn die Herbststürme losgehen. Sobald die Windrichtung stimmt, gehen wir ‚ernten‘ „, erklärt Dressel. „Wir sagen dann: ‚Es ist wieder eine Lieferung angekommen.‘ “

Das Paar, das zuvor eine Bar ein paar Orte weiter betrieb, gründete den Laden, als es zur Familie wurde. Putbus war der perfekte Standort. „In Binz könnten wir Kunsthandwerker uns nicht einmal eine C-Lage leisten, sagt Juliane Dressel. „Hier haben wir nun einen Laden direkt an der Hauptstraße.“ Und sie sind nicht allein. Eine handvoll Kunsthandwerker und Galerien haben sich in den letzten Jahren in der Stadt niedergelassen, eine kleine Szene wächst hier im Hinterland Rügens heran. „Putbus befreit sich aus dem Winterschlaf“, sagt Benjamin Treu.

Vom „Tag am Meer“ sind es nur ein paar Schritte über die Straße zum Schlosspark, einem riesigen Landschaftspark mit verschlungenen Wegen, nach englischem Vorbild erbaut. Das einzige, was dem Schlosspark fehlt, ist ein Schloss. Das wurde 1962 gesprengt – nach dem Zweiten Weltkrieg war es zusehends verfallen, eine Instandsetzung war den Behörden am Ende zu teuer.

Malte und Marx

Nicht weit die Hauptstraße hinauf wartet mit dem Circus ein architektonisches Highlight, das Wahrzeichen der Stadt: Um einen Platz mit sternförmigen Wegen angeordnet, stehen hier sechzehn klassizistische Gebäude im Rondell, geschmückt von Rosenstöcken. In der Mitte ragt ein Sandstein-Obelisk auf. Das Ensemble wurde von Fürst Wilhelm Malte I. – hier nennen sie ihn einfach Fürst Malte – in Auftrag gegeben, der Putbus 1810 zur Residenzstadt gemacht hatte. So furchtbar weit ist es zum Wasser nun auch wieder nicht: Zweieinhalb Kilometer den Hügel hinab, dann ist man in Lauterbach am Greifswalder Bodden, wo man über Uferwege und durch den Goor-Wald wandern, Fisch essen oder Bootsausflüge zur Insel Vilm unternehmen kann, wo es 500 Jahre alten Buchenwald zu bestaunen gibt. An der Mole in Lauterbach beginnt auch die Linie des „Rasenden Roland“, der dampfbetriebenen Bäderbahn der Insel, die über Putbus, Binz, Sellin nach Göhren fährt.

Ein paar Türen neben dem „Tag am Meer“ spaziert eine Frau mit locker über die Schultern gelegtem Pullover – Urlauberin offensichtlich – in ein kleines Antiquariat hinein. In den Regalen stehen Romane und DDR-Bildbände, die Biografien von Hans Albers und Hugo Chavez. „Die Schubladen sind aufzumachen“, sagt Bärbel Plümecke, die Betreiberin des Antiquariats zu der Frau mit dem Pullover. „Bitte beide Hände nehmen, die rollen nicht.“ Die Kundin rüttelt an einer Lade, als habe sie es mit dem widerspenstigen Schrankmodell „Trulleberg“ aus Loriots Film „Ödipussi“ zu tun.

Putbus ist auch bei Inselbewohnern beliebt

Plümecke verwaltet die Vergangenheit. Es kommen längst nicht nur Urlauber und Wochenendbesucher her. Unter Inselbewohnern hat sich herumgesprochen, dass hier auch immer mal seltene Bücher zur Lokalgeschichte zu finden sind. Neuerdings läuft auch wieder Karl Marx. „Ich habe zur Zeit kein ‚Kapital‘ mehr, ist total ausverkauft“, sagt Plümecke. „Vor einigen Jahren noch hätte ich die Leute damit erschlagen können.“

Die Antiquarin stammt aus Sachsen, lebt aber schon 50 Jahre in Putbus. Lehrerin war sie, hat sich umschulen lassen und arbeitete im Naturschutz, jetzt bessert sie ihre Rente mit dem Laden auf. Zu DDR-Zeiten war sie sogar eine Zeit lang Bürgermeisterin von Putbus, noch heute betreibt sie ehrenamtlich Lokalpolitik. „Putbus hatte Glück, weil es zu DDR-Zeiten schon unter Denkmalschutz stand“, sagt sie. Die Lücken, die man im Standbild heute sieht, seien nach der Wende entstanden. Das ehemalige Hotel „Deutsches Haus“ zum Beispiel, lasse der Eigentümer völlig verkommen. Dabei war Putbus seit seiner Gründung immer sehr gepflegt. „Fürst Malte verfügte damals, dass die Putbuser ihre Häuser alle zwei Jahre neu streichen müssen“, sagt Plümecke. „Er hat ihnen sogar das Geld für die Farbe gegeben.“