Ostsee: Bund scheut große Munitionsbergungen


 
 
 

Auf dem Meeresboden der Ostsee schlummern Hunderttausende Tonnen versenkter Weltkriegs-Munition. Einige Politiker fordern nun die großflächige Bergung der Zeitbomben. Die Bundesregierung indes sieht dazu keinen akuten Handlungsbedarf.

Die Bundesregierung plant vorerst keine großangelegte Beseitigung versenkter Weltkriegs-Munition aus der Ostsee. In den ausgewiesenen Versenkungsgebieten sei „bislang keine großflächige Beräumung geplant“, heißt es in einer Antwort auf eine Parlamentsanfrage der FDP. Bei Bergungen und Sprengungen vor Ort bestünde auch die Gefahr, dass enthaltene Kampfmittel freigesetzt würden. Anderswo im Meer gibt es demnach aber schon kontinuierlich einzelne Bergungen auf Basis von Gefährdungsbeurteilungen.

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Olaf in der Beek forderte eine Lösung, um schnellstmöglich eine Entschärfung der Munition zu erreichen und gravierenden Umweltauswirkungen entgegenzuwirken. Dabei seien auch Möglichkeiten von Unterwasserrobotern und Tauchdrohnen zu eruieren.

Der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Hans-Joachim Grote aus Schleswig-Holstein, hält an seiner Absicht fest, das Thema bei den Treffen mit seinen Länderkollegen anzusprechen. „Der Bund sagt einfach: Für die alte Munition aus Beständen der Wehrmacht kommen wir auf, alles andere ist Sache der Küstenländer. Das kann es nicht sein“, sagte der CDU-Politiker.

„Rost nagt an Phosphorbomben“

Er wolle gar nicht alle Munition heben, aber doch touristische Gebiete räumen oder Bereiche, in denen zum Beispiel Windparks entstehen oder Kabel verlegt werden, betonte Grote. „Teilweise haben wir zwanzig Meter vom Strand entfernt noch Teile von Phosphorbomben liegen. An denen nagt der Rost. Wenn die sich öffnen, können wir ganze Strände sperren.“ Er warnte: „Wir haben noch ein Zeitfenster von vielleicht zwanzig Jahren, um das Zeug zu heben. Danach ist es so desolat, dann können Sie es noch nicht einmal mehr bergen.“

Die Munition in Nord- und Ostsee sei nicht allein ein Problem für die Küstenländer Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, betonte Grote. „Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, auch des Bundes. Jetzt können die Bayern oder Westfalen natürlich sagen: Was interessieren mich eure Bomben? Aber den Krieg hat nicht nur Schleswig-Holstein damals geführt. Da waren noch andere beteiligt.“ Grote spricht von 1,6 Millionen Tonnen Munition in Nord- und Ostsee insgesamt.

Tonnenweise Munition auf Meeresböden

Auf dem Meeresboden allein in der Ostsee lagern schätzungsweise 300.000 Tonnen konventionelle Munition, die nach Angaben des bundeseigenen Thünen-Forschungsinstituts meist mit TNT oder Phosphor befüllt sind. Hinzu kommen chemische Kampfstoffe. Der Großteil der Munition stammt aus Militär-Operationen im Zweiten Weltkrieg sowie aus gezielten Versenkungen nach Kriegsende, mit denen deutsche Lagerbestände beseitigt werden sollten.

In der Regierungsantwort erläutert das Umweltministerium, derzeit sei „weiterhin nicht erkennbar, dass eine großräumige Gefährdung der marinen Umwelt über den lokalen Bereich der munitionsbelasteten Flächen hinaus vorhanden oder zukünftig zu erwarten ist“. Punktuell bestehe jedoch eine Gefährdung „für Personengruppen, die im marinen Bereich der Nord- und Ostsee mit Grundberührung tätig“ seien. Neue, noch zu prüfende Forschungsergebnisse änderten zum gegenwärtigen Zeitpunkt diese Einschätzung nicht grundsätzlich.