Apartheid im Baltikum – nur als Gedankenspiel


 
 
 

Eine provokative Plakatkampagne hat in Estland einen politischen Wirbel verursacht. Es geht um die Nationalitätenfrage, ein Thema, mit dem sich die Gesellschaft nach wie vor schwertut.

«Hier nur für Esten», steht in blauer Farbe auf drei Plakaten, die eines frühen Januarmorgens unvermittelt am Wartehäuschen der Tramstation Hobujaama im Zentrum der estnischen Hauptstadt Tallinn hängen. «Hier nur für Russen», verkünden in Rot drei analog gestaltete, die sich gleich daneben befinden. Die ganze Station ist mit diesen Plakaten zugepflastert, die ihre Botschaft in Russisch und Estnisch kundtun. Was soll das? Es herrscht Verwirrung. Soll einem da vorgeschrieben werden, wer wo auf das Tram warten darf? Schürt da jemand nationalistische Emotionen?

Am nächsten Morgen klärt sich die Lage. Die Plakate wurden ersetzt durch andere, auf denen es, wiederum in beiden Sprachversionen, heisst: «Esten und Russen: Geht zur gleichen Schule!» oder «Russen und Esten: Geht zur gleichen Party!». Es geht, so wird klar, um eine Kampagne, die darauf hinweist, dass auch mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Estlands die Nationalitätenfrage schwelt und es an der Zeit wäre, die Kontroverse zwischen Esten und der russischen Minderheit zu überwinden. Hinter der Aktion steht die Gruppe «Estland 200». Sie will im Jahr 1 nach dem 100-Jahr-Jubiläum der ersten Entstehung eines estnischen Nationalstaats sicherstellen, dass das Land auch seinen 200. «Geburtstag» als Einheit feiern können wird.

Die Plakataktion dominierte die Schlagzeilen in Estland über Tage. War sie hetzerisch? Kontraproduktiv? Oder genial? Eines ist klar für Kristina Kallas, eine der Initiantinnen sowohl von «Estland 200» als auch der Kampagne: Wenn bereits einige Plakate einen solchen Aufruhr auslösen können, dann deutet das darauf hin, dass das tiefer liegende Problem noch längst nicht bewältigt ist. Es sei also höchste Zeit, dieses wirklich anzugehen, und das nicht nur auf der Symbolebene. Man habe niemanden verletzen wollen, sagte Kallas, die einräumte, von der Resonanz überrascht worden zu sein. Den Vorwurf aber, Russland in die Hände zu spielen, wies sie zurück. Was Russland in die Hände spiele, sei vielmehr, dass es in Estland die Frage der Segregation nach 28 Jahren immer noch gebe.